“Nie mehr Poster!”

3. September 2010 von Ralf Neumann

Aus der Reihe „Spontane Interviews, die es nie gab — die aber genau so hätten stattfinden können”. Heute: Postdoc Rant, Pollyanologisches Institut Universität Wolkenruhe.

LJ: Ah hallo, in der Rolle unter ihrem Arm steckt doch sicher ein Poster. Gerade von einer Tagung zurück?

Rant: Gut erkannt.

LJ: Und wie war’s?

Rant: Bescheiden.

LJ: Warum? Kam ihr Poster nicht an?

Rant: Bingo. Ich frag’ mich wirklich, wofür ich die drei Tage Poster machen geopfert habe.

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Vom Geo- zum Idolgenetiker

30. August 2010 von Ralf Neumann

Mit “Inuk” ist er gerade fertig geworden: Eske Willerslev vom Naturkundemuseum der Universität Kopenhagen. Unter seiner Leitung rekonstruierte ein internationales Team das Genom eines vor 4.000 Jahren lebenden männlichen Grönländers, der vermutlich zu den ersten Siedlern gehörte, die in die Arktis der Neuen Welt einwanderten. Als Quelle diente ein Haarbüschel des Mannes, das schon länger in den Beständen des dänischen Nationalmuseums lagerte.

Nicht erst seitdem hat man für ihn den Begriff des “Geogenetikers” geschaffen. Denn schon zuvor verfolgte er die an sich simple Idee: “Schau nach, was in der Erde, vor allem im Permafrost, so alles konserviert wurde — und sequenziere es.” Bisherige Beute: jede Menge Sequenzen von ausgestorbenen Bäumen und anderen Pflanzen, von fossilen Käfern und Schmetterlingen — und zuletzt gar die mitochondriale DNA-Sequenz eines Mammuts. Näheres etwa hier und hier.

Ganz nebenbei holte er sich dabei den Altersrekord für fossile DNA: die “eisgekühlten” Sequenzen, mit denen er ein einstmals grünbewaldetes Südgrönland nachwies, werden auf 450.000-800.000 Jahre geschätzt.

Ganz so weit will er mit seinem jüngsten Projekt allerdings zeitlich nicht zurück, und auch in tiefgefrorenem Boden muss er dafür nicht mehr bohren. Nein, Willerslevs neuestes Objekt der Begierde ist eine Haarlocke des legendären Sioux-Häuptlings Sitting Bull. Dessen direkte Nachfahren hätten dem Projekt bereits zugestimmt — und so soll Sitting Bulls komplettes Genom baldmöglichst das erste eines nicht-eingefrorenen “Native American” werden.

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Dumm gelaufen

23. August 2010 von Ralf Neumann

Es war einmal ein Rotor...

Die Seite heißt pwned experiments und erinnert ein wenig an die guten alten “Laborkatastrophen”, die Laborjournal vor über einem Jahrzehnt brachte. Der Unterschied: die Missgeschicke, die auf pwned experiments referiert werden, sind tatsächlich passiert. Darunter solche Klassiker wie völlig missratene Gele oder durch Unwucht zerstörte Rotoren.

Schon ungewöhnlicher: ein abgebrannter Heizrührer, weil der arme Experimentator im Kühlraum (!) statt der Rührfunktion den Heizblock angestellt hatte — und das Methanol im Puffer sich entzündete. Nicht nur lustig dagegen die Geschichte, wie es zu radioaktiven Fußspuren in einem gewissen Institut kam — samt der entsprechenden Konsequenzen.

Allerdings: Seit Ende letzten Jahres haben sich lediglich ein Dutzend solcher Pannen auf die Seite verirrt. Wir dagegen sind sicher: es gibt viel mehr. Dem Autor dieser Zeilen fällt beispielsweise sofort jene köstliche Szene aus seiner Laborzeit ein, in der ein Diplomand den Verbindungsschlauch eines neuen Bunsenbrenners statt ans Gas versehentlich an einen ähnlich aussehenden Hochdruck-Wasseranschluss koppelte — und dann aufdrehte…

Wie heißt es so schön: Aus Fehlern lernt man. Wer also auch solche oder ähnliche Laborpannen erlebt hat — immer her damit. Entweder hier im Blog, oder per E-Mail an redaktion@laborjournal.de.

Spiegel online verwirrt im Jetzt und Nun

18. August 2010 von Winfried Köppelle

Ein Artikel auf Spiegel online von heute (18. August) gibt Rätsel auf. Es geht um eine angeblich ganz tolle, bakterizide Wandfarbe, über die leicht atemlos berichtet wird:

„Superbakterien werden in Krankenhäusern zu einem immer größeren Problem: Tausende Patienten sterben jedes Jahr an den Folgen von Infektionen, selbst starke Antibiotika sind wirkungslos gegen resistente Keime.  Jetzt stellen Forscher ein neues Gegenmittel vor: eine Wandfarbe.”

Und

„Ein US-Forscherteam ist der effektiven Bekämpfung der Bakterien in Krankenhäusern nun einen Schritt näher gekommen – mit einer Wandfarbe. Der Anstrich enthält ein Enzym, das die Zellwände der Bakterien zerstört. Dieses sogenannte Lysostaphin haben die Forscher mit mikroskopisch kleinen Kohlenstoff-Nanoröhren kombiniert, die wiederum mit gewöhnlicher Farbe gemischt werden können.”

Naja.

Schon die Wendungen „JETZT stellen Forscher ein neues Gegenmittel vor” und „NUN [sind sie] einen Schritt näher gekommen” sind Nonsens. Diesen Beitrag weiterlesen »

Schwamm drüber!

10. August 2010 von Ralf Neumann

SpongeBob Schwammkopf...

Welches ist der bekannteste Schwamm? Ganz klar — ‘SpongeBob Schwammkopf’, die neongelbe, quaderförmige Vorabend-Comicfigur aus der Feder von Stephen Hillenburg. So manchem Elternteil stellt ‘Bob’ zwar mit seinem nervigen Gequäke in Rekordzeit die Nackenhaare auf, doch die Sprösslinge zwischen 6 und 10 hören nicht auf ihn zu lieben.

In der Scientific Community hat Bob indes nun Konkurrenz bekommen: Amphimedon queenslandica ist, da komplett farblos und still, offenbar nur ein entfernter Verwandter von Bob — allerdings: seit kurzem ist sein Genom entschlüsselt. “Na und”, mögen jetzt viele denken — und damit in die gleiche Kerbe hauen wie Bloggerin Mary von The OpenHelix Blog, die ihr Posting zum Thema provokativ beiläufig mit “Another day, another genome” überschrieb.

Auch der Titel des Nature Papers, ‘The Amphimedon queenslandica genome and the evolution of animal complexity‘, lässt ja irgendwie erstmal aufstöhnen, ob hier nicht wieder mal ein Genom rettungslos überverkauft wird. Compexity? In einem Schwamm? Diesen Beitrag weiterlesen »

Wunderwasser-Produzent zensiert wissenschaftliches Ergebnis

2. August 2010 von Winfried Köppelle

Esoterische Wundermittel sind ein Dauerthema, ebenso der sogenannte Publikationsbias (kurz: die Verfälschung der Datenlage durch selektive Veröffentlichung von Publikationen).

In dieser Geschichte hier geht’s sogar um beides, um Wundermittel wie um mutwillige Verzerrung wissenschaftlicher Ergebnisse: Darum, wie ein österreichisches „Wasserbelebungsunternehmen” namens Grander im Jahre 2004 eine Studentin der TU Graz (Inst. f. Anorgan. Chemie) beauftragte, die Wirkung dieses „Heil”wassers in einer Diplomarbeit zu überprüfen.

Und wie diese Studentin (die mittlerweile Diplom-Ingenieurin sowie Qualitätsmanagerin bei einem internationalen Konzern ist) damals tatsächlich ein eindeutiges Ergebnis erhielt.

Und wie die Firma Grander dann mit dem Ergebnis umging.

Alles weitere dazu hat Ulrich Berger (der im Mai 2010 auch schon mal für Laborjournal über ähnlich Wundersames berichtet hat) hier wunderbar aufgeschrieben. Zum Totlachen (oder zum Krankärgern, je nach aktuellem Gemütszustand des Lesers). Viel Spaß!

Subtile Sünden

28. Juli 2010 von Kommentar per Email

Neulich kam per Email eine Art Rätsel in unsere Redaktion. „C. aus K.“, ein — wie er selber sagt — „vergleichsweise unregelmäßiger aber dennoch langjähriger Leser“ schrieb uns:

„[…] Was bisher nicht im Repertoire von LJ erschien, sind die Wissenschaftssünden, die weniger offensichtlich sind, weil sie sich subtil über sehr lange Zeiträume hin entwickeln und ganz dick eingepackt sind in tatsächlich ernstzunehmende, grundehrliche und seriöse Forschungsarbeiten. Man muss schon genau hinsehen, um so manch faulen Kern heraus zu pellen. Um das anzuregen, sende ich hier im Anhang ein kleines Manuskript zu einer weniger vordergründigen Geschichte. Diese tragische Variante von ‘Cantors Dilemma’ ist im Gegensatz zu Carl Djerassis Roman in fast allen Punkten wahr. […]“

Wenngleich C. aus K. versichert hatte, „was und wer in der Geschichte gemeint [sei], [fände] man schnell heraus“, brauchte unsere Volontärin eine ganze Weile. Mal sehen, wie es den LJ-Blog-Lesern ergeht. Hier also C.’s „Manuskript“:

H.’s Doppel-Dilemma

von C. aus K.

Denkt Euch eine Arbeitgruppe (nennen wir sie AG H. aus L. im vereinigten Königreich) die dazu beitragen möchte, Wirkung und Funktion einer für einen zellulären Botenstoff gehaltenen Substanz aufzuklären. Diesen Beitrag weiterlesen »

4 von 4 Studien sind fragwürdig

28. Juli 2010 von Winfried Köppelle

Einen aufschlussreichen Kommentar zum Dauerreizthema „Studien” hat der mir nicht näher bekannte Blogger und Wirtschaftskommunikator Martin Weigert unter dem obigen Titel verfasst.

Da schau her! Beruhigend zu erfahren, dass nicht nur in Bioforschung und Medizin miese/mangelhaft konzipierte/überflüssige/statistisch unsinnige Studien an der Tagesordnung sind, sondern auch zum Beispiel in der IT-Technologie und der Internet-Szene.

Und dass diese Studien auch weit, weit abseits der boulevardesken Medizinberichterstattung („Schokolade steigert den IQ”; „Händies schützen gegen AIDS”; „Nasenbohren macht impotent”) zu Scheinsensationen aufgeblasen werden.

In der medialen Berichterstattung seien derartige (O-Ton Weigert) „Luftnummern” willkommene Sommerloch-Füller. Dass „die Berichterstattung rund um Web- und Tech-Themen derzeit mit so genannten Studien überschwemmt” werde, wie Weigert mutmaßt, glaube ich allerdings nicht.

Ich bin der Meinung, das ist schon immer so. Nichts lässt sich bequemer zu einer Tüte heißer Luft aufblasen als das „sensationelle” Ergebnis einer blödsinnigen Studie.

Zu spät für Apoptose

23. Juli 2010 von Ralf Neumann

Zum Wochenende wieder ein Life Science Song. Vorlage diesmal: Der Ohrwurm “Apologize” von One Republic. Tom McFadden, Instructor in Stanford’s Human Biology Program, machte daraus: “It’s Too Late to Apoptize”:

50 Millionen Artikel

20. Juli 2010 von Ralf Neumann

Duncan Hall vom EMBL-European Bioinformatics Institute (EBI) in Cambridge hat sich in seinem Blog O’Really? Gedanken gemacht, wieviele Artikel in den letzten 350 Jahren in wissenschaftlichen Journalen erschienen sind.

PubMed listet inzwischen beispielsweise 19 Millionen Artikel. Allein in 2009 kamen 679,858 Artikel hinzu — was im Schnitt 1,29 Paper pro Minute machte.

Am Ende teilt Hall das Ergebnis eines kürzlich erschienenen Artikels in Learned Publishing, in dem Autor Arif E. Jinha aus Ottawa auf die Summe von 50 Millionen Artikel seit Gründung der Philosophical Transactions of the Royal Society im Jahr 1665 kommt (Artikel im Volltext vom Autor).

Und dann kommen Hall samt Kommentatoren mit ein paar Vergleichen. 50 Millionen Paper sind:

  • ein Paper pro Basenpaar auf dem Y-Chromosom;
  • ein Paper pro Jahr, seitdem die sogenannten modernen Säugetiere auf Erden wandeln;
  • ein Paper pro Twitter-Tweet an einem Durchnitts-Tag im Jahr 2010;
  • ein Paper pro zehn Facebook-User.

Ehrlich gesagt, sind es damit eigentlich die Twitter- und Facebook-Zahlen, die mehr verblüffen.