![]() Siegfried Bär |
Siegfried Bärs Neigung zum Schreiben hat - wie sich das für einen Molekularbiologen gehört - eine genetische Komponente. Schon Herr Bärs Vater, Ludwig Bär, hat sich professionell mit Schreiben beschäftigt - er war Landbriefträger. Siegfried Bär sollte zunächst andere Wege einschlagen. Er studierte in Tübingen Mathematik und Biochemie. Die Grundlagen der Peptidsynthese wurden ihm ebenso vermittelt wie die Regeln des Doppelkopf. Letztere beherrscht er noch heute. Es folgte die unvermeidliche Doktorarbeit, die ja heute jeder machen muß und wenn er nur Friseur werden will. Herr Bär wählte dazu das MPI für Psychiatrie in München, denn er glaubte, den Ruhm der Max-Planck-Gesellschaft für die eigene Karriere verwenden zu können und jeder Friseur ist schließlich auch ein Psychiater. Die Arbeit am MPI stürzte ihn in die unterste Kategorie der Gesellschaft: Er wurde Kanalarbeiter. Schlimmer noch: Er mußte Kanäle reinigen. Eine schmutzige Arbeit, die einem manchmal so stinkt wie die Abwässer Münchens, wo viel süßer Senf und Weißwürste gegessen werden. Herr Bär stand es durch und der Lohn ließ nicht auf sich warten. Ein BATIIa-Vertrag ward ihm zuteil! Zudem durfte er mit nach Heidelberg ans Zentrum für Molekulare Biologie. Vier Jahre verbrachte er dort - meist mit Kanalreinigen, aber auch das Radioaktivitätslabor wurde von ihm gelegentlich gesäubert. Nun gibt es die bekannte Fünfjahresregelung. Zudem entwickelten sich Unverträglichkeitsreaktionen zwischen dem Professor und Herrn Bär. Der beschloß in Nizza weiter zu forschen. Die Nizzaner konnten einen Kanalreiniger gebrauchen, denn Nizza, mit seinem Tourismus und seinen Schaben, legt Wert auf Reinlichkeit. Dort gelang es Herrn Bär, die Kanäle so zu säubern, daß dies im PNAS veröffentlicht wurde. Prompt boten die Nizzaner Herrn Bär eine Dauerstelle als Reiniger 1. Klasse an. Er lehnte ab. Im hierarchischen französischen Reinigerwesen steht nämlich der Reiniger 1. Klasse unter dem Direktor 2. Klasse, ma.W.: Herr Bär hätte noch selber putzen müssen, statt andere beim putzen zu beaufsichtigen. Statt also in Nizza erstklassig zu putzen ging Herr Bär nach USA. Sein Streben war nun reich zu werden und in USA sollen ja selbst Tellerreiniger Millionen erwerben können. Nach einem Jahr jedoch hatte Herr Bär nichts erworben als eine Abneigung gegen Hamburger und US-Höflichkeitsfloskeln. Da kamen die reinlichen Schweizer gerade recht. Eine Oberassistentenstelle an der ETH boten sie an. Doch des ewigen Putzens auf niedrigem Niveau müde, beschränkte Herr Bär seine Aktivitäten von anfang an auf das notwendigste. Heimlich schrieb er stattdessen die berühmten "Memoiren eines Kanalreinigers". Nun hatte aber der ETH-Professor von Herrn Bär Großes für den eigenen Ruhm erwartet. Als dies nicht eintraf, kam er in große Not. Sein Streben, diese Not zu beheben, verschlechterte das Klima derart, daß Herr Bär sich öfters per Kaffeefahrt in den nahen Schwarzwald flüchtete. So auch am schicksalhaften 1. September 1994. Der Bus fuhr gerade in die ehemalige freie Reichsstadt Zell a.H. ein als Herr Bär auf das Geschrei auf der Hinterbank aufmerksam wurde. Die Laborjournal-Redaktion diskutierte dort über ihre Merinowolle- und Kaschmir-Heizdecken. Herr Bär machte darauf aufmerksam, daß es egoistisch sei, an das eigene Wohlbefinden zu denken. Ethisch sei, anderen einzuheizen, so der notleidenden deutschen Professorenschaft. Der moralische Apell hatte Erfolg: Siegfried Bär wurde auf der Stelle zum Obereinheizer bei Laborjournal ernannt. |