Grundlagenforschung

Zitationsvergleich 2003 bis 2006: Humangenetik
von Lara Winckler, Laborjournal 1-2/2010

Die meistzitierten Artikel Die meistzitierten Reviews Die meistzitierten Köpfe

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Bild: Fotolia/Stephi

Die deutschsprachige Humangenetik ist eine bunt gemischte Gruppe aus Medizinern, Krebsforschern, Psychiatern, Molekularbiologen und Epidemiologen. Und natürlich Humangenetikern.

Die Humangenetik ist die Wissenschaft von der genetisch bedingten Variabilität des Menschen. Dies schließt neben der Genotyp/Phänotyp-Korrelation, also der Beziehung zwischen Allel und Merkmal, auch die pathologische Variabilität mit ein und damit die genetisch bedingten Krankheiten.

Mit dieser Definition der Humangenetik dürfte sich ein großer Teil der Mediziner angesprochen fühlen. Die Suche nach den Ursachen von Krankheiten wie auch deren Behandlung (Gentherapie) findet immer mehr auf DNA-Ebene statt. Humangenetiker erforschen die Ursachen von Erbkrankheiten, erstellen Abstammungsgutachten und bieten Gendiagnostik und genetische Beratungen an. Weiterhin führen sie Kopplungsanalysen genetischer Merkmale durch und versuchen, genetisch komplexe Erkrankungen mittels Assoziationsstudien aufzuklären.

Dieser Drift in die Medizin spiegelt sich auch in den meistzitierten Artikeln unseres Analysezeitraums wider: Sechs der Top 10-Artikel sowie drei der Top 4-Reviews zwischen 2003 und 2006 behandeln medizinische Themen.

Damit diese Publikationsanalyse nicht völlig aus dem Ruder läuft, haben wir eine Bedingung gestellt: Die Forschung konzentriert sich auf humangenetische Fragen und ein großer Teil der Publikationen ist neben den multidisziplinären Journals in humangenetischen Fachzeitschriften zu finden.

Auch nach dieser Eingrenzung bleibt immer noch eine bunt gemischte Gruppe von Wissenschaftlern übrig. 20 der Top 50 arbeiten an Instituten für Humangenetik, wie die Münchner Gruppe um Thomas Meitinger (6.) und die Bonner um Peter Propping (11.), die zusammen bereits sieben der Top 50-Forscher stellen.


Viele Mediziner

Der Rest rekrutiert sich etwa aus der Biochemie wie Hans Lehrach (2.), Sprecher des Deutschen Humangenomprojekts, oder aus der Klinischen Molekularbiologie, wie der Erstplatzierte Stefan Schreiber, Direktor der Kieler Klinik für Innere Medizin I und Professor für Gastroenterologie. Gemeinsam mit seinen Mitarbeitern Jochen Hampe (16.) und Philip Rosenstiel (45.) suchte und fand Schreiber genetische Ursachen für chronisch-entzündliche Darmerkrankungen wie Morbus Crohn und für Sarkoidose.

Auch Psychiater wie Schizophrenie-Forscher Wolfgang Maier (5.) und Pädiater sind vertreten, etwa der Fachmann für neuromuskuläre Erkrankungen Thomas Voit (20.), sowie die Evolutionsgenetiker um Svante Pääbo (3.). Pääbo und sein Team haben mit dem Vergleich von Human- und Schimpansengenom das meistzitierte Paper des Vergleichs gelandet.

Andere sind promovierte oder habilitierte Humangenetiker, arbeiten aber vornehmlich in anderen Fachgebieten. Ein Beispiel hierfür ist Johannes Hebebrand (13.), der an der Essener Klinik für Psy­chiatrie und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters die Molekulargenetik von Adipositas, Anorexia und Bulimia nervosa sowie Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörungen erforscht. Das Science-Paper seiner Gruppe zu kindlichem Übergewicht belegt Platz 5 der meistzitierten Artikel. Oder die Fachhumangenetikerin Susanne Schnittger (10.), die bis 2005 die Molekulargenetik im Labor für spezielle Leukämiediagnostik, München-Großhadern, leitete, und nun in der MHP Münchner Hämatologiepraxis arbeitet.

Überhaupt bedient sich die Krebsforschung zunehmend der Genetik, seit man erkannt hat, dass für viele Krebsarten Mutationen im Erbgut verantwortlich sind. So entwickelt André Rosenthal (25.), Geschäftsführer der Signature Diagnostics AG Potsdam, Gentests zur Krebs-Früherkennung. In seiner Zeit als Abteilungsleiter am Jenaer Institut für Molekulare Biotechnologie (IMB) hat er im Rahmen des internationalen Humangenomprojekts die Sequenz des menschlichen Chromosoms 21 mitentschlüsselt. Nicht vergessen werden sollen die Genetischen Epidemiologen, die humangenetische Fragen mathematisch behandeln. Sie spielen laut Walther Vogel, Direktor am Ulmer Humangenetischen Institut, eine zentrale Rolle in der Disziplin, dennoch sind sie nur selten in Humangenetik-Instituten zu finden. Zu ihnen gehören zum Beispiel Marcella Rietschel (15.), Direktorin des Zentralin­stituts für Seelische Gesundheit (ZI) Mannheim und der Münchner Umweltmediziner Heinz-Erich Wichmann (4.), dessen Forschungsschwerpunkt sich seit einigen Jahren zunehmend in die genetische Forschung verlagert.



Wie die Tabellen entstanden

Berücksichtigt wurden Papers mit Erscheinungsjahr zwischen 2003 und 2006 sowie mindestens einem Autor mit Adresse im deutschen Sprachraum. Die Zahlen für Zitate und Artikel lieferte die Datenbank „Web of Science“ des Thomson-Institute for Scientific Information (ISI) in Philadelphia. Stichtag war der 28.01.2010.

Die „Köpfe” arbeiteten 2003 bis 2006 an einem Institut für Humangenetik, publizierten überwiegend in humangenetischen Zeitschriften oder arbeiteten in erster Linie an für die Humangenetik bedeutsamen Projekten. Reviews zählten für die „Köpfe“-Wertung nicht.

Wichtig: Fehler, die bereits in den Datenbanken stecken, können wir in der Regel nicht erkennen.




Die meistzitierten Artikel

Rang Autoren Paper Zitierungen
1.Mikkelsen TS, ..., Enard W, Hellmann I, ..., Pääbo S, ..., Prüfer K, ..., Waterston RH.Initial sequence of the chimpanzee genome and comparison with the human genome NATURE 2005, 437(7055):69-87583
2.Zimprich A, Biskup S, ..., Lichtner P, ..., Müller-Myhsok B, ..., Meitinger T, Strom TM, ..., Gasser T.Mutations in LRRK2 cause autosomal-dominant Parkinsonism with pleomorphic pathology NEURON 2004, 44(4):601-7561
3.Lewis C, Schwab S, Moises HW, Wildenauer DB, Maier W, ..., Helgason T.Genome scan meta-analysis of schizophrenia and bipolar disorder, part II: Schizophrenia Am J Hum Genet. 2003 Jul;73(1):34-48532
4.Rost S, Fregin A, ..., Hörtnagel K, ..., Müller CR, Strom TM, Oldenburg J.Mutations in VKORC1 cause warfarin resistance and multiple coagulation factor deficiency type 2 NATURE 2004, 427(6974):537-41314
5.Sieber OM, ..., Heinimann K, ..., Tomlinson IP.Multiple colorectal adenomas, classic adenomatous polyposis, and germ-line mutations in MYH NEJM 2003, 348(9): 791-9288
6.Herbert A, ..., Heid IM, Pfeufer A, Illig T, Wichmann HE, Meitinger T, ..., Hinney A, Hebebrand J, ..., Christman MF.A common genetic variant is associated with adult and childhood obesity SCIENCE 2006, 312(5771):279-83266
7.Braig M,.., Schlegelberger B, .., Schmitt CA.Oncogene-induced senescence as an initial barrier in lymphoma development NATURE 2005, 436(7051):660-5257
8.Züchner S, ..., Senderek J, ..., Vance JM.Mutations in the mitochondrial GTPase mitofusin 2 cause Charcot-Marie-Tooth neuropathy type 2A NATURE GENETICS 2004, 36(5):449-51247
9.Ross MT, ..., Platzer M, ..., Sudbrak R, Wen G, ..., Ramser J, ..., Galgoczy P, ..., Glöckner G, ..., Hennig S, ..., Hinzmann B, ..., Meitinger T, ..., Nordsiek G, ..., Reichwald K, ..., Reinhardt R, Poustka A, Rosenthal A, Lehrach H, Meindl A, ..., Bentley DR.The DNA sequence of the human X chromosome NATURE 2005, 434(7031):325-37244
10.Stoll M, ..., Hampe J, ..., Schreiber S.Genetic variation in DLG5 is associated with inflammatory bowel disease NATURE GENETICS 2004, 36(5):476-80232



Die meistzitierten Reviews

Rang Autoren Paper Zitierungen
1.Stenson PD, ..., Krawczak M, Cooper DN.Human gene mutation database: 2003 update HUM MUT. 2003, 21(6):577-81373
2.Schöls L, Bauer P, Schmidt T, Schulte T, Riess O.Autosomal dominant cerebellar ataxias: clinical features, genetics, and pathogenesis LANCET NEUROL. 2004, 3(5):291-304186
3.Pääbo S, Poinar H, Serre D, Jaenicke-Despres V, Hebler J, Rohland N, Kuch M, Krause J, Vigilant L, Hofreiter M.Genetic analyses from ancient DNA ANNU REV GENET. 2004, 38:645-79170
4.Schreiber S, Rosenstiel P, Albrecht M, Hampe J, Krawczak M.Genetics of Crohn disease, an archetypal inflammatory barrier disease. NAT REV GENET. 2005, 6(5):376-88125





Die meistzitierten Köpfe

Rang Name Ort Zitierungen Artikel
1. Stefan SchreiberKlin. Mol.biol., Uniklinik Kiel3676119
2. Hans LehrachMPI Mol. Gen. Berlin & Vertebr.gen., FU Berlin353389
3. Svante PääboEvol. Gen., MPI Evol. Anthropol., Leipzig 336051
4. Heinz-E. WichmannGen. Epid., Helmholtz-Z. Neuherberg3022111
5. Wolfgang MaierPsychiatrie, Uni Bonn2940114
6. Thomas MeitingerHumangen., Neuherberg & TU München272843
7. Peter LichterKomplexe Genome, Mol. Gen., DKFZ Heidelberg 232574
8. Thomas IlligEpid., Helmholtz-Z. Neuherberg222462
9. Peter NürnbergGenomzentrum & Inst. Genetik, Uni Köln 206687
10. Susanne SchnittgerMünchner Leukämie-Labor (bis 2005 LMU M)205872
11. Reiner SiebertHumangen., Uni Kiel 174478
12. Johannes HebebrandPsychiatrie, Unikliniken Duisburg-Essen 172267
13. Tim-Matthias StromHumangen., TU München & Neuherberg170519
14. Marcella RietschelGen. Epid.,ZI Seel. Gesundh., Mannheim170459
15. Jochen HampeKlin. Mol.biol., Uniklinik Kiel166662
Markus M. NöthenHumangen. & Life and Brain Center, Uni Bonn166664
17.Peter ProppingHumangen., Uni Bonn 178560
18. Matthias PlatzerLeibniz-Institut für Altersforschung - Fritz-Lipmann-Institut (FLI) Jena153837
19. Brigitte SchlegelbergerZell- & Mol.pathol., MH Hannover 150050
20. Thomas VoitNeuropäd., Uniklinikum Essen (seit 2006 Paris)140859
21. Hans-Jürgen BandeltMathematik, Uni Hamburg 136929
22. Peter LichtnerHumangen., Neuherberg & TU München 134719
23.Bertram Müller-MyhsokHumangen., MPI Psychiatrie München133532
24. Ines HellmannMFP Labor., Wien (bis ‘06 Leipzig, bis ‘09 Copenhagen)133411
25. André RosenthalSignature Diagnostics AG, Potsdam 131525
26. Jörg T. EpplenHumangen., Ruhr-Uni Bochum124987
27. Martin Hrabé de AngelisExp. Gen. & Säugetiergen., Neuherberg124648
28. Anke HinneyPsychiatrie, Unikliniken Duisburg-Essen121636
29.Christine KleinHumangen., Uni Lübeck 119451
30.Annemarie Poustkabis 2008 Mol. Genomanalyse, DKFZ Heidelberg 118049
Hans-Hilger RopersMol. Humangen., MPI Mol. Gen. Berlin 118052
32. Olaf RießMed. Gen., Uni Tübingen 117750
33.Sven CichonHumangen., & Life and Brain Center, Uni Bonn115837
34.Wolfgang EnardEvol.gen., MPI Evol. Anthropol., Leipzig 114610
35.Saskia BiskupCeGAT GmbH Tübingen (bis 2007 Uni Tübingen)11076
36.Dieter B. WildenauerPsychiatrie, Uni Bonn (seit 2005 Australien)109417
37.Michael KrawczakMed. Informatik & Statistik, Uni Kiel100838
38.Tim BeckerMed. Biometr., Inf. & Epid., Uni Bonn99536
39.Klaus ZerresHumangen., RWTH Aachen 97361
40.Stefan MundlosMed. Gen., Charité & MPI Mol. Gen. Berlin92546
41.Vera M. KalscheuerMol. Humangen., MPI Mol. Gen. Berlin 92346
42.Johannes SchumacherHumangen., Uni Bonn90427
43.Andreas ZieglerMed. Biometr. & Statistik, Uniklinik Lübeck89659
44.Norman KloppEpidemiol., Helmholtz Zentrum München, Neuherberg88729
45.André ReisHumangen., Uni. Erlangen-Nürnberg, Uniklinik Elangen 86647
46.Philip RosenstielKlin. Mol.biol., Uniklinik Kiel86120
47.Thomas LiehrHumangen. & Anthropol., Uni Jena84079
48.Jose Ignacio Martin-SuberoHumangen., Uniklinikum Kiel 83520
49.Thomas G. SchulzeGen. Epid., ZI Seel. Gesundh., Mannheim82838
50.Clemens Müller-ReibleHumangen., Biozentrum Würzburg81827
51.Wolfgang EngelHumangen., Uni Göttingen81237






Letzte Änderungen: 10.03.2010





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