Im Reich der Sinne

Zitationsvergleich 1999 bis 2001: Hals-Nasen-Ohren-Forschung
von Ralf Neumann, Laborjournal 9/2004

Die meistzitierten Artikel Die meistzitierten Reviews Die meistzitierten Köpfe

Bild der meistzitierten Köpfe (ca. 100 kb)


Hals-Nasen-Ohren-Forschung ist unter anderem auch Hör-, Riech- und Schmeckforschung. Und wird, was die Zitierungen angeht, damit sofort von Sinnesphysiologen dominiert.

Wie bei eigentlich allen anderen Disziplinen, so gilt auch für die Hals-Nasen-Ohren-Forschung: Für einen halbwegs sinnvollen Zitationsvergleich muss man sie eingrenzen. Das allerdings ist nicht ganz so leicht, wie es anfangs erscheinen mag. Zumal man ja die Funktionen von Nase, Ohren sowie Hals- und Rachenraum berücksichtigen muss. Und die sind nicht nur, aber doch schwerpunktmäßig sinnesphysiologischer Natur – hören, riechen, schmecken, Gleichgewicht halten.


Molekularbiologie macht’s möglich

Die Sinnesphysiologie ist nun wieder fließend verbunden mit der Neurobiologie. Naheliegenderweise, da ja die perzeptierte Sinnesinformation im Gehirn weiter verarbeitet wird. Dies ist somit jedoch der zweite Schritt, weswegen wir reine Neurobiologen für den vorliegenden Zitationsvergleich weitgehend nicht mit berücksichtigten. Zum einen hatten diese bereits ihren eigenen Zitationsvergleich, und zum anderen wollen wir doch – wenn der Vergleich schon "Hals-Nasen-Ohren-Forschung" heißt – auch räumlich so nahe wie möglich an diesen Organen und Strukturen bleiben.

Bleiben noch die Sinnesphysiologen, von denen ja manche auch als "Neurophysiologen" firmieren. Die gehören ganz klar hinein in den Zitationvergleich. Allerdings geht auch das nicht ganz problemlos.

Nehmen wir etwa den meistzitierten Forscher unseres Vergleichs: Thomas Jentsch vom Zentrum für Molekulare Neurobiologie der Universität Hamburg. Man tritt ihm sicherlich nicht zu nahe, wenn man sagt, dass er sich ursprünglich nicht direkt für Hörforschung interessierte. Kalium- und Chlorid-Kanäle waren und sind sein Thema. Doch die Molekularbiologie macht es ja seit einiger Zeit möglich, dass man Kanäle identifizieren kann, bevor man deren Funktion und Wirkort kennt. Und auf diese Weise fand er schließlich auch Kanäle, die in den Haarzellen des Innenohrs wichtige Funktionen beim Hörvorgang übernehmen. Wobei noch dazu kam, dass der Kaliumkanal KCNQ4 sich als der mutierte "Übeltäter" bei bestimmten Formen erblicher Taubheit herausstellte. Darüber publizierte Jentsch natürlich sehr gut (siehe "Die meistzitierten Artikel" Platz 1, 5 und 7).

Zugleich publizierte Jentsch aber noch ziemlich viel über Kanalproteine sonstwo im Körper, unter anderem in der Niere und in Nervenzellen. Und das war das Problem. Für diese und ähnliche Fälle erstellten wir schließlich das Kriterium, dass solche "Multi-Organ-Forscher" entweder mehr als die Hälfte oder wenigstens drei ihrer Artikel eindeutig zu Hals, Nase, Ohren oder deren Funktionen publiziert haben müssen.

Auf diese Weise qualifizierte sich etwa auch Jentschs Kooperationspartner, der Bonner Humangenetiker Christian Kubisch, für die Wertung – und sprang auf Platz zwei der meistzitierten Köpfe. Durch das Raster rutschte etwa der Hamburger Humangenetiker Andreas Gal, auch wenn zwei von ihm mitpublizierte Paper unter den meistzitierten Artikeln auf den Plätzen 2 und 4 auftauchen. Diese gehen zwar beide über die Ursachen für das Usher-Syndrom, eine erblich bedingte Kombination von Netzhautdegeneration und Innenohrschwerhörigkeit. Gals Hauptinteresse gilt allerdings eindeutig den erblichen Augenkrankheiten.


Mehr Hören, als Riechen

Insgesamt resultiert daraus, dass die vorderen Positionen des Zitationsvergleichs durch Physiologen dominiert werden. Neben dem Humangenetiker Christian Kubisch belegen sieben nominelle (Neuro-)Physiologen Plätze unter den Top 10 der Köpfe-Wertung. Und auch Tobias Moser, Leiter des "InnenOhrLabors" an der HNO-Klinik Göttingen, auf Platz 8 kommt eigentlich auch aus dieser Ecke: Bis 2001 arbeitete er in der Abteilung Membranphysiologie des Göttinger MPIs für biophysikalische Chemie unter Leitung von Erwin Neher physiologisch über die Funktion der Haarzellen im Innenohr. Bestplatzierter "echter" HNO-Kliniker ist somit der Tübinger Hans Peter Zenner auf Platz 10.

Genauso dominieren unter den ersten 10 die Ohren: Acht Top Ten-Forscher beschäftigen sich mit den Mechanismen des Hörens. Lediglich auf den Plätzen 4 und 5 haben sich zwei "Riechphysiologen" dazwischen geschoben: Benjamin Kaupp vom Forschungszentrum Jülich sowie der Hohenheimer Zoophysiologe Heinz Breer. Als einziger ausgewiesener "Schmeckphysiologe" schaffte es der Homburger Bernd Lindemann als 49. gerade noch in die Liste.

Doch Hals-Nasen-Ohren-Forschung betrifft nicht nur Sinnesleistungen. Auch mit Arbeiten zu den e ntsprechenden Krebserkrankungen lassen sich potenziell genügend Zitierungen erzielen um unter die Top 50 zu kommen – vornehmlich mit Kopf-Hals-Tumoren. Dies scheint an an deutschen HNO-Kliniken allerdings nicht besonders stark ausgeprägt. Nur wenige Spezialisten schafften den Sprung in unsere Liste: etwa der Mannheimer Karl Hörmann auf Platz 15, der Münchner Wolfgang Arnold auf Platz 20, oder Gerhard Grevers vom Klinikum Starnberg auf Platz 34.

Möglicherweise kommt hierzu aber noch mehr Forschung aus onkologischen oder pathologischen Instituten. Und taucht damit in anderen Publikationsvergleichen mit auf.



Wie die Tabellen entstanden:Berücksichtigt wurden Papers mit Erscheinungsjahr zwischen 1999 und 2001 sowie mindestens einem Autor mit Adresse im deutschen Sprachraum. Zahlen für Zitate und Artikel lieferte die Datenbank "Web of Science" des Institute for Scientific Information (ISI) in Philadelphia. Stichtag war der 28.Juli 2004. Die "Köpfe" arbeiteten während des Bewertungszeitraums an einem HNO- oder sinnesphysiologischen Institut, publizierten überwiegend in HNO- oder sinnesphysiologischen Journals oder arbeiteten vorrangig an eindeutig HNO- oder sinnesphysiologischen Reviews sowie Artikel mit mehr als 50 Autoren zählten für die "Köpfe"-Wertung nicht.

Wichtig: Fehler, die bereits in den Datenbanken stecken, können wir nur selten erkennen.




Die meistzitierten Artikel

Rang Autoren Paper Zitierungen
1.Kubisch C, Schroeder BC, Friedrich T, Lütjohann B, El-Amraoui A, Marlin S, Petit C, Jentsch TJKCNQ4, a novel potassium channel expressed in sensory outer hair cells, is mutated in dominant deafness. CELL 96 (3): 437-446 FEB 5 1999 216
2.Bolz H, v. Brederlow B, Ramirez A, Bryda EC, Kutsche K, Nothwang HG, Seeliger M, Cabrera MDS, Vila MC, Molina OP, Gal A, Kubisch CMutation of CDH23, encoding a new member of the cadherin gene family, causes Usher syndrome type 1D. NATURE GENETICS 27 (1): 108-112 JAN 2001 97
3.Platzer J, Engel J, Schrott-Fischer A,Stephan K, Bova S, Chen H, Zheng H, Striessnig JCongenital deafness and sinoatrial node dysfunction in mice lacking class D L-type Ca2 channels. CELL 102 (1): 89-97 JUL 7 2000 94
4.Niemann S, Müller U. *Mutations in SDHC cause autosomal dominant paraganglioma, type 3 Nat Genet. 2000 Nov;26(3):268-7091
5.Verpy E, ..., Gal A, ..., Petit CA defect in harmonin, a PDZ domain-containing protein expressed in the inner ear sensory hair cells, underlies Usher syndrome type 1C. NATURE GENETICS 26 (1): 51-55 SEP 2000 87
6.Estevez R, Böttger T, Stein V, Birkenhager R, Otto E, Hildebrandt F, Jentsch TJ Barttin is a Cl- channel beta-subunit crucial for renal Cl- reabsorption and inner ear K+ secretion. NATURE 414 (6863): 558-561 NOV 29 2001 68
7.Bonigk W, Bradley J, Müller F, Sesti F, Boekhoff I, Ronnett GV, Kaupp UB, Frings SThe native rat olfactory cyclic nucleotide-gated channel is composed of three distinct subunits. JOURNAL OF NEUROSCIENCE 19 (13): 5332-5347 JUL 1 1999 67
8.Kharkovets T, ..., Schweizer M, ..., Petit C, Jentsch TJKCNQ4, a K+ channel mutated in a form of dominant deafness, is expressed in the inner ear and the central auditory pathway. PROC NAT ACAD SCI USA 97 (8): 4333-4338 APR 11 2000 65
9.Löwenheim H, Furness DN, Ki J, Zinn C, Gültig K, Fero ML, Frost D, Gummer AW, Roberts JM, Rubel EW, Hackney CM, Zenner HPGene disruption of p27(Kip1) allows cell proliferation in the postnatal and adult organ of Corti. PROC NAT ACAD SCI USA 96 (7): 4084-4088 MAR 30 1999 64
10.Kobal G, Klimek L, Wolfensberger M, Gudziol H, Temmel A, Owen CM, Seeber H, Pauli E, Hummel TMulticenter investigation of 1,036 subjects using a standardized method or the assessment of olfactory function combining tests of odor identification, odor discrimination, and olfactory thresholds. EUR. ARCHIVES OF OTO-RHINO-LARYNGOLOGY 257 (4): 205-211 APR 2000 62
11.Strotmann J, Conzelmann S, Beck A, Feinstein P, Breer H, Mombaerts PLocal permutations in the glomerular array of the mouse olfactory bulb. JOURNAL OF NEUROSCIENCE, 20 (18): 6927-6938 SEP 15 200057



Die meistzitierten Reviews

Rang Autoren Paper Zitierungen
1.Lindemann BReceptors and transduction in taste. NATURE 413 (6852): 219-225 SEP 13 2001 63
2.Krieger J, Breer HOlfactory reception in invertebrates. SCIENCE 286 (5440): 720-723 OCT 22 1999 41





Die meistzitierten Köpfe

Rang Name Ort Zitierungen Artikel
1Thomas J. JentschZentr. Mol. Neurobiol. Hamburg137523
2Andreas Gal **Humangenetik, Uniklinik Eppendorf780k.A.
3Christian KubischHumangenet. Uni Bonn5159
4J. Peter RuppersbergPhysiol. Uni Tübingen43825
5Ulrich Müller *Institut für Humangenetik, Gießen41616
6U. Benjamin KauppForschungszentrum Jülich39714
7Heinz BreerZoophysiol. Uni Hohenheim39326
8Bernd FaklerPhysiol. Uni Freiburg (bis 2002 Tübingen)38815
9Björn C. SchroederZentr. Mol. Neurobiol. Uni Hamburg37815
10Tobias MoserHNO-Klinik Uni Göttingen2878
11Thomas FriedrichZentr. Mol. Neurobiol. Uni Hamburg2795
12Hans Peter ZennerHNO-Klinik Uni Tübingen26328
13Eberhard StennertHNO-Klinik Uni Köln25440
14Gerd KobalPharmakol. Uni Erlangen23923
15Christo PantevExp. Audiol. Uni Münster23617
16Reinhard ZeidlerHNO-Klinik Großhadern Uni München22410
17Karl HörmannHNO-Klinik Uni Mannheim22043
18Olaf MichelHNO-Klinik Uni Köln21934
19Stephan FringsZoophysiol. Uni Heidelberg (bis 2002 Jülich)2148
20Dominik OliverPhysiol. Uni Tübingen1958
21Thomas K. Hoffmann **HNO-Klinik Uni Düsseldorf192k.A.
22Hans HattZellphysiol. Uni Bochum18812
23Thomas HummelHNO-Klinik TU Dresden18026
24Wolfgang ArnoldHNO-Klinik rechts d. Isar TU München18035
25Anthony W. GummerHNO-Klinik Uni Tübingen17910
26Alexander HessHNO-Klinik Uni Köln17918
27Wolfgang BerglerKh. St. Josefs-Stift Bremen (b. 2002 Mannheim)17926
28Ingrid BoekhoffZoophysiol. Uni Hohenheim1758
29Jürgen KriegerZoophysiol. Uni Hohenheim17410
30Heinrich H. RudertHNO-Klinik Uni Kiel17319
31Wolf J. MannHNO-Klinik Uni Mainz16539
32Jost LudwigPhysiol. Uni Freiburg (bis 2002 Tübingen)1648
33Jutta EngelPhysiol. Uni Tübingen1603
34Jochen A. WernerHNO-Klinik Uni Marburg15725
35Frank RiedelHNO-Klinik Uni Mannheim15422
36Ludger KlimekWiesbaden (bis 2002 Mainz)15017
37Gerhard GreversKlinikum Starnberg (bis 2002 München)13420
38Stephan Niemann *Institut für Humangenetik, Gießen1325
39Verena NiederbergerHNO-Klinik AKH Uni Wien1318
40Jörg StrotmannZoophysiol. Uni Hohenheim1286
41Anneliese Schrott-FischerHNO-Klinik Uni Innsbruck12511
42Ulrike BockmühlKlinikum Fulda (bis 2002 Charité HU Berlin)12414
43Dirk BeutnerHNO-Klinik TU Dresden (bis 2002 Göttingen)1213
44Thomas LenarzHNO-Klinik MH Hannover12131
45Karl GötteHNO-Klinik Uni Mannheim11917
Walter F. ThumfartHNO-Klinik Uni Innsbruck11917
47Kurt StephanHNO-Klinik Uni Innsbruck1175
48Sidonie ConzelmannZoophysiol. Uni Hohenheim1095
49Christoph AlexiouHNO-Klinik Uni Erlangen (bis 2002 München)1097
50Marlies KnipperHörforschungszentrum Uni Tübingen1077
51Christian WetzelZellphysiol. Uni Bochum1034
52Markus WolfensbergerHNO-Klinik Uni Basel10212
53Günter GisselmannZellphysiol. Uni Bochum1016
54Bernd LindemannPhysiol. Uni Homburg1018

KORREKTUREN:

Stichtag Datenbank: 28.07.2004
* Stichtag Datenbank: 28.09.2004
** Stichtag Datenbank: 06.10.2004





Letzte Änderungen: 04.02.2005





Impressum | Datenschutz | Haftungsausschluß

© 1996-2012 Laborjournal und F+R Internet Agentur, Freiburg