Buchbesprechung

von Hubert Rehm




Volker Knoop & Kai Müller:
Gene und Stammbäume

Taschenbuch: 386 Seiten
Verlag: Spektrum Akademischer Verlag; Auflage: 2. neu bearb. und erw. Auflage. 2. Neu Bearb. U. (November 2008)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3827419832
ISBN-13: 978-3827419835
Preis: 29,95 EUR

Im Wald

Nach Ansicht der Autoren Volker Knoop und Kai Müller eignet sich Gene und Stammbäume für systematisch arbeitende Biologen, „Mollis“ mit Interesse für die Evolution ihrer Proteine oder Gene sowie für Studenten, die in der Schnittmenge von Molekularbiologie und Bioinformatik reüssieren wollen. Letzteren geben sie folgendes mit auf den Weg: Der Zugang in die Welt der molekularen Phylogenetik scheint vielen beschwerlich. Außer einem Verständnis für die Molekularbiologie braucht es Datenbanken, Computer, Programme und zum tieferen Verständnis auch etwas Mathematik, und zumindest einer dieser Bereiche schreckt manche [...] ab.

Sie hätten hinzufügen können, dass auch eine eingehende Kenntnis der Kladistik und Phylogenie nötig ist und damit die Kenntnis der Bedeutung von Wörtern wie „Symplesiomorphie“ und „paraphyletisch“. Auch ist „etwas Mathematik“ untertrieben: es gibt Seiten in dem Buch, auf denen eine Formel sich in die andere integriert und Begriffe wie Markov-Kette, Ratenmatrix, Transitions-Wahrscheinlichkeits-Matrix und Maximum-Likelihood-Schätzung dem durchschnittlichen Studenten den Schweiß auf die Stirn treiben dürfte.

Hilft das Buch, diese Schwierigkeiten zu überwinden? Der Rezensent ist in Phylogenetik, wie in so vielen anderen Gebieten auch, ein Laie; er kann daher beurteilen, ob Knoops und Müllers Prosa imstande ist, das geistige Dunkel eines Neulings aufzuhellen.

Das erste Kapitel stellt eine Kurzeinführung in die Molekularbiologie dar, das zweite Kapitel eine ebensolche in Taxonomie und Kladistik. Damit haben wir schon ein Fünftel hinter uns, und können den Autoren bescheinigen, selbst die Taxonomie (von T wie trocken) flüssig und mit einem Anflug von Humor dargestellt zu haben. Auch wirkt es beruhigend auf den Leser, dass die Autoren nicht dem Glauben anhängen, sie seien unfehlbar.


Schnelleinstieg ab Seite 113

So richtig los geht es jedoch erst mit Kapitel 4 auf Seite 113, die Autoren empfehlen ungeduldigen Studenten mit biologischem Wissenshintergrund denn auch, gleich dort einzusteigen: Es soll als Schnell­einstieg dienen. Blättern wir also in den 27 Seiten von „Stammbäume rekonstruieren: das Allerwichtigste in einem Kapitel“. Zuerst wird darin ein Überblick über die Methoden Neighbour Joining, Maximum Parsimony, Maximum Likelihood und Bayesianische Verfahren gegeben; wohlgemerkt nur ein Überblick, die Details werden in nachfolgenden Kapiteln behandelt. Daher geht es hier mathematisch noch gnädig ab.

Danach erklären die Autoren zum Beispiel, wie man mit den Programmen MEGA und PAUP zu einem Stammbaum der Beuteltiere kommt. Sie nehmen den Leser an der Hand und führen ihn, beruhigend auf ihn einredend, durch den Stammbaumwald zum richtigen Stämmchen, auf dass dort der Leser seine Marke setzen könne. Und ja, dies kann er tatsächlich! Nach eingehendem Studium von Kapitel 4 dürften die meisten Leser in der Lage sein, aus ihren Sequenzen einen Stammbaum wachsen zu lassen.

Die Kapitel 5, 6, 7 und 8 gehen dann, mit den Details von Parsimonie-Analyse und Co. in die Tiefe. Hier gibt es etliche Formeln und Matrizen durchzukauen.

Die Matrix ist allgegenwärtig. Sie umgibt uns. Selbst hier ist sie. In diesem Zimmer. Du siehst sie, wenn Du aus dem Fenster guckst oder den Fernseher ausmachst. Es ist eine Scheinwelt, die man Dir vorgaukelt, um Dich von der Wahrheit abzulenken. So zitieren die Autoren den Morpheus aus dem Film „Matrix“. Der Humor der Autoren weicht die Materie ein, so dass es schließlich flutscht – jedenfalls bei denen, die über eine gewisse mathematische Begabung verfügen.


Humor macht‘s möglich

In Kapitel 9 „Raten und Zeiten“ werden die molekularen Uhren und dazu die Kalibrierung der Stammbäume behandelt. In diesem Zusammenhang erklären die Autoren das Programm BEAST. In Kapitel 10 fragen sie: „Woher weiß man eigentlich, welche der im Buch vorgestellten Rekonstruktionsmethoden man verwenden soll?“ Die Autoren geben auch gleich die Antwort: „Gar nicht (zumindest nicht ohne weiteres)“ und zählen dann doch einige Methoden und Tests auf, die es dem Forscher erlauben, wenigstens den Grad der Zuverlässigkeit eines Stammbaums beziehungsweise seiner Verzweigungen abzuschätzen. Das letzte Kapitel „Molekulare Einsichten zu alten und neuen Kladen“ zählt einige der mit Hilfe der molekularen Stammbäume gewonnenen neuen Einsichten zur Phylogenetik auf, so das Konzept der Häutungs­tiere und die Einteilung der Ordnungen der plazentalen Säugetiere in die Überordnungen der Afrotheria, Euarchontoglires, Laurasiatheria und Xenarthra.

Herrlich wie Knoop und Müller den trockenen Stoff der molekularen Phylogenetik in einfacher, unprätentiöser und humorvoller Rede pädagogisch aufbereitet haben: Viel besser kann man das nicht darstellen. Wenn Knoop und Müller nicht „Sehrganz“-Fetischisten wären (ganz wichtig, ganz problemlos, sehr wichtig, ...) müsste man ihnen sogar eine elegante Sprache bescheinigen. Ein bemerkenswertes, ein empfehlenswertes Buch.






Letzte Änderungen: 20.10.2010





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