Buchbesprechung

von Hubert Rehm




Tom Strachan & Andrew Read:
Molekulare Humangenetik. 3. Auflage 2005

Gebundene Ausgabe: 802 Seiten
Verlag: Spektrum Akademischer Verlag; Auflage: 3. A. (12. Mai 2005)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3827414938
ISBN-13: 978-3827414939
Preis: 71,50 EUR

Gut übersetzt

Dank einer gelungenen Übertragung aus dem Englischen hat der Laborjournal-Rezensent am vorliegenden Genetik-Lehrbuch nur wenig auszusetzen.

Molekulare Humangenetik ist eine Übersetzung aus dem Englischen von Lothar Seidler. Lothar Seidler? Nie gehört? Es handelt sich um den Inhaber des kleinsten Verlagshauses Heidelbergs, der Bestellungen von Heidelberger Buchhandlungen persönlich auf dem Fahrrad erledigt. Der 1957 geborene Diplombiologe verlegt Dichter und Lyriker. Es handelt sich um solche, von denen der Rezensent noch nie gehört oder gelesen hat, und Seidler ist wohl auch selbst ein Dichter und auch von ihm hat der Rezensent noch nie etwas gehört oder gelesen. Mit anderen Worten: Was Seidler am Herzen liegt, sind brotlose Künste. Deswegen hält er sich – so vermutet der Rezensent – mit Übersetzungen wissenschaftlicher Werke über Wasser.

Seidlers dichterischer Ehrgeiz macht sich bei seinen Übersetzungen bemerkbar: Das vorliegende Werk von Tom Strachan und Andrew Read hat Seidler gut, ja sogar sehr gut übersetzt. Es ist auch nicht seine erste Übersetzung eines wissenschaftlichen Buches. Der Mann hat Routine und das merkt man. Auch an Molekulare Humangenetik selber ist wenig auszusetzen, es erfüllt und übererfüllt die heutigen pädagogischen Standards und gibt sich alle Mühe, dem Leser die komplizierte Materie einleuchtend darzustellen.

Das fängt an mit den Farbcodes: blau für Grundlagen (206 Seiten), braun für das menschliche Genom (170 Seiten) und grün für Krankheitsgene (138 Seiten). Die Kapitel-überschriften sind gleichzeitig Lehrsätze, beispielsweise 2.4.1 „Mitotische Chromosomen sind in jeder sich teilenden Zelle gut zu beobachten, während meiotische Chromosomen nur schwer zu untersuchen sind“. Im Durchschnitt findet sich auf jeder Seite eine farbige Abbildung von beschränkter Komplexität, die also leicht zu verstehen ist. In blau umrandeten Boxen finden sich Exkursionen zu Methoden (zum Beispiel Exkurs 6.1: Grundlagen der Autoradiografie) oder Spezialwissen (Exkurs 9.1 „Unterschiedliche Anzahl der Genomkopien“). Neue Begriffe werden durch Fettdruck hervorgehoben. Am Ende der Kapitel wird auf weiterführende Literatur verwiesen. Abgehandelt werden DNA-Struktur und Genexpression, Struktur und Funktion der Chromosomen, die Organisation des menschlichen Genoms, die Identifizierung menschlicher Krankheitsgene, und so weiter. Leider fehlt eine Anthropologie der menschlichen Gene, ihre geographische Verteilung, ihre Entwicklung und ihre Geschichte, obwohl doch gerade auf diesem Gebiet die Ergebnisse fallen wie die Äpfel im Herbst.


Zielgruppe: Mediziner

Für wen ist das Buch gedacht? Die Autoren schweigen sich darüber aus, aber der Rezensent glaubt, daß praktizierende Ärzte davon profitieren könnten, denn der Schwerpunkt des Buches liegt auf krankheitsverursachenden Genen und deren Vererbung. Klinische Beispiele fehlen freilich weitgehend. Auch Studenten der Molekularen Medizin und der Bioinformatik werden das Buch mit Nutzen lesen – sofern sie in ihrem verschulten Studium dazu Zeit finden. „Es gibt kein Buch wo nicht irgendetwas Gutes stünde“, heißt es im Don Quijote und umgekehrt gibt es wahrscheinlich kein Buch, das perfekt ist. Dies gilt auch hier. So schwelgen die Autoren gelegentlich in Banalitäten wie „Damit sich ein Mensch aus dem Embryo über Fetus und Kleinkind bis hin zum Erwachsenen entwickeln kann, sind zahlreiche Zellteilungen erforderlich, um die große Menge an Zellen zu erzeugen.“

Wer hätte das gedacht.

Des weiteren lieben sie das Wort „wichtig“ – Vorsicht: wenn alles wichtig ist, dann ist gar nichts wichtig! – und auch für die Phrase „von großer Bedeutung“ scheinen Autoren oder Übersetzer oder beide eine Neigung zu hegen. Anscheinend ist auch ein Dichter vor gelegentlichen sprachlichen Ausrutschern nicht gefeit, denn manche Sätze ergeben keinen Sinn oder sind kein Deutsch. Selten wird ein falscher Ausdruck verwendet, so nehmen die Rezeptoren tierischer Zellen Signalmoleküle nicht auf, wie auf Seite 77 versichert wird, vielmehr binden sie diese.


Prinzipielles Problem

Allerdings gibt es ein prinzipielles Problem mit Übersetzungen aus dem Englischen: Hat der Autor seinen Text fertig gestellt, vergehen mindestens sechs Monate, bis das Buch auf den Markt kommt. Dann erst, und oft noch später, macht sich der Übersetzer ans Werk. Selbst ein professioneller Übersetzer wie Seidler wird ein Jahr für den Text brauchen und der Verlag noch einmal ein halbes Jahr für die Veröffentlichung. Mit anderen Worten: Die deutschen Übersetzungen englischsprachiger Lehrbücher hinken um drei bis vier Jahre hinter dem Stand der Wissenschaft her. In dem 2005 erschienenen „Molekulare Humangenetik“ hat der Rezensent keine Literaturangabe gefunden, die jünger ist als 2002.

Für fachfremde Forscher ist Humangenetik ein spröder Stoff. Die Mendelei und Nicht-Mendelei, die statistischen Methoden, die Kopplungsanalysen – es klingt dem Laienleser wie böhmische Dörfer. Dieses Problem des Faches geht „Molekulare Humangenetik“ mit einigem Erfolg an: Zwar rätselt der Leser schon mal eine Stunde über eine Seite, doch versinkt er nie in schwarzer Verlorenheit: Der Wille nach Verständnis stößt früher oder später durch zur Erleuchtung.




Letzte Änderungen: 05.06.2010





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