Buchbesprechung

von Winfried Köppelle




Andreas Sentker & Frank Wigger (eds.)
Triebkraft Evolution

Gebundene Ausgabe: 294 Seiten
erlag: Spektrum Akademischer Verlag; Auflage: 1 (September 2008)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3827420008
ISBN-13: 978-3827420008
Preis: 24,95 EUR

Eine spannend zu lesende Textsammlung zur Evolutionsbiologie entpuppt sich beim genaueren Hinschauen als leeres Versprechen.

Triebkraft Evolution ist ein liebevoll gestaltetes, allgemeinverständliches Kompendium zum günstigen Preis. Die zwölf, je etwa 20 Seiten zählenden Kapitel behandeln nahezu die gesamte Bandbreite der Evolutionsforschung, beginnend mit „Das Phänomen der lebenden Fossilien“ (von Peter Douglan Ward) bis hin zu „Ist die Evolution des Menschen am Ende?“ (von Keith Harrison). Die Koryphäen der Evolutionsbiologenzunft sind versammelt; unter anderem geben Ernst Mayr, Richard Dawkins, Christian de Duve und Donald Johanson einen Einblick in ihr Spezialgebiet. Der amerikanische Primatenforscher Ian Tattersall schreibt über „Homo sapiens und seine Vorläufer“, die Deutschen Ralf Schmitz und Jürgen Thissen über den Neandertaler und die erstmalige Analyse von dessen Erbsubstanz durch Svante Pääbo. Der Dinosaurierforscher Mark Norell attackiert in einem herrlich kämpferischen Kapitel missliebige Forscherkollegen, die den aus seiner Sicht unzweifelhaften phylogenetischen Ursprung der modernen Vögel bei den Dinosauriern anzweifeln, und Jens Lorenz Franzen vom Frankfurter Senckenberg-Institut, der unlängst mit der schreierischen Vermarktung des Affen-Fossils „Ida“ (Darwinius masillae) von sich reden machte, berichtet über sein eigentliches Forschungsthema „Ursprung und Evolution der Pferde“.

Zwischen die Texte der Wissenschaftler sind thematisch passende Texte aus dem Wissenschaftsteil des Wochenmagazins Die Zeit platziert. Ein ausführliches Stichwortregister führt den Leser schnell zur jeweils gesuchten Textstelle im Buch.

All das ist vordergründig erste Sahne, packend und leserfreundlich in verständlicher Sprache verfasst von Top-Forschern beziehungsweise erfahrenen Wissenschaftsjournalisten. Auch die grafische Gestaltung ist gelungen; die Abbildungen sind hervorragend und das Layout übersichtlich. An den Seitenrändern werden unter der Überschrift „Was ist eigentlich...“ wichtige Begriffe des jeweiligen Themas (etwa Isolationsmechanismen, Genfluss und Artefakt) kurz erklärt und unter „Portrait“ wichtige Protagonisten der Evolutionslehre (wie Huxley, Lamarck und Dobzhansky) in Kurzbiografien vorgestellt.


Veraltet und unvollständig

Wo immer man das Buch aufschlägt – die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass man hängenbleibt und fasziniert zu gucken und zu lesen beginnt. Trotzdem bleibt ein schaler Nachgeschmack – und der hat mit den Entstehungszeitpunkten der Texte zu tun. Diese liegen nämlich weit zurück. Anders gesagt: Das Buch ist veraltet – was doppelt schwer wiegt bei einer Wissenschaft, in der sich derzeit extrem viel tut, wo fast täglich sensationelle Fossilien gefunden, neue Untersuchungsmethoden etabliert und Aufsehen erregende DNA-Sequenzen veröffentlicht werden.

Der zugegebenermaßen lesenswerte Essay von Ralf Schmitz und Jürgen Thissen zum Neandertaler beispielsweise stammt aus dem (ebenfalls hervorragenden) Buch „Die Geschichte geht weiter“ – das allerdings bereits 2002 erschienen ist. Die in den letzten Jahren durchgeführte, 60-prozentige Entschlüsselung des Neandertaler-Genoms durch Svante Pääbos Leipziger Arbeitsgruppe? Nicht drin. Die 2004 aufgedeckte, wissentliche Falschdatierung von Neandertalerschädeln durch den mittlerweile wegen Urkundenfälschung, Unterschlagung, versuchten Betrugs und Untreue verurteilten Frankfurter Anthropologen Reiner Protsch? Kommt nicht vor.

Das Dawkins-Kapitel beruht auf dessen Klassiker „Das egoistische Gen“ (erschienen 1976), der Text des amerikanischen Evolutionspsychologen Geoffrey Miller ist ein Auszug aus dessen Buch „Die sexuelle Evolution“ aus dem Jahr 2001 – und so weiter. Das sind alles gute, oft sogar herausragende Bücher, aber eben auch veraltet. Das Buch erweckt den Eindruck, als habe der Spektrum-Verlag die Chance genutzt, zum Darwin-Jahr ohne allzuviel Kosten- oder Personalaufwand das eigene Buchprogramm zu recyceln und in Form eines Sammelbandes herauszugeben. Die Texte reißen, mit schönen Bildern versehen, die wichtigsten Evolutionsthemen an – und das war’s dann auch schon. Wenn der Verlag also verspricht: „Dieser Band zeigt, was Forscher heute über das Leben und seine Geschichte wissen“, so kann er es nicht halten. Ehrlicher wäre es zu sagen: „Das Buch zeigt, was Evolutionsforscher vor fünf bis zehn Jahren wussten“.


Gut klingende Halbwahrheiten

Bei den Zeit-Texten ist’s ähnlich, gelegentlich sogar schlimmer. Die sind teils uralt; zwei stammen gar aus den Jahren 1996 und 1997. Lektoriert oder überarbeitet hat, wie es scheint, diese antiquierten Zeitungsartikel niemand – denn sie weisen teils peinliche Mängel auf. So etwa widmet Hubertus Breuer in seinem prinzipiell lesenswerten Artikel „Gott spielen“ (erschienen ursprünglich in ZEIT Wissen, Ausgabe 3/2005) der jährlich stattfindenden Konferenz „Synthetische Biologie 1.0“ einen ganzen Absatz – dabei ist längst die SB5.0 (!) in Planung (zudem schreibt Breuer elegant, aber falsch: „Die RNA liefert die Baupläne für Eiweiße“ – richtig ist vielmehr: die RNA bzw. DNA ist der Bauplan fürs Protein). Und Zeit-Redakteur Ulrich Bahnsen tut in „Zurück aus der Steinzeit“ so, als wüsste er, warum der Neandertaler ausgestorben ist: nämlich weil ihn die Vorfahren des modernen Menschen „im ersten Genozid der Geschichte“ ausrotteten. Das klingt spannend, ist aber Spekulation. In Wahrheit hat man bis heute keinen Schimmer – nur viele und teils recht unterschiedliche Theo­rien – warum unsere urzeitlichen Vettern nicht überlebten.

Schade! Hätten die herausgebenden Verlage (Spektrum/Springer und Holtzbrink) sich die Mühe gemacht, die versammelten Beiträge zu aktualisieren oder zumindest um die neuesten Forschungsergebnisse zu ergänzen – etwa in Form eines Kastens oder eines Anhangs zum jeweiligen Kapitel – dieses Buch wäre einer der publizistischen Höhepunkte des Darwin-Jahres. In der vorliegenden Form jedoch ist Triebkraft Evolution lediglich eine spannend zu lesende Sammlung mehr oder weniger angestaubter Texte. Zu empfehlen lediglich als Appetithäppchen für allgemein interessierte Laien, die sich für die spannenden Forschungsergebnisse und Funde der letzten fünf Jahre nicht interessieren.




Letzte Änderungen: 30.07.2009





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