Buchbesprechung

von Karin Hollricher




Bettina Flitner (Fotos) & Jeanne Rubner (Hrg.)
Frauen, die forschen. 25 Porträts

Gebundene Ausgabe: 223 Seiten
Verlag: Collection Rolf Heyne; Auflage: 1 (1. September 2008)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3899104021
ISBN-13: 978-3899104028
Preis: 29,90 EUR

Angesichts der neuen Urteile zum Unterhalt im Falle einer Scheidung werden künftig viel mehr Frauen als bisher arbeiten gehen müssen. Die Ära der Versorgungsehe ist vorbei. Bis sich dieser Gedanke in den Köpfen von Frauen und Männern wirklich breit gemacht hat, wird noch Zeit vergehen. Doch hier und heute, wie fühlen sich Frauen im Wissenschaftsbetrieb? Wie geht es ihnen, was konnten sie erreichen?

Diesen Fragen ging ein Trupp von Wissenschaftsjournalisten (sechs Frauen und drei Männer) nach. Eine der Autorinnen ist die ehemalige Laborjournal-Mitarbeiterin Sabine Behrends. Sie hat die Freiburger Mathematik-Professorin Susanne Albers porträtiert. 26 Wissenschaftlerinnen gaben Auskunft darüber, wie sie zu ihrer Forschung kamen und was sie heute tun. Darunter – neben zwölf Biologinnen, sieben Physikerinnen und sechs Mathematikerinnen – auch eine Chemikerin: Thisbe Lindhorst. Sie durfte im Jahr 2000 als erste Frau auf einem deutschen Chemie-Lehrstuhl Platz nehmen. Bisher war diese Domäne fest in Männerhand, obwohl die Hälfte der Chemiestudenten weiblich ist.

Manche der Portraitierten halten den Geschlechterkram für Unsinn, manche haben weder Nachteile noch Vorteile in ihrem Frau-Sein erlebt, manche berichten von Hürden. Die können fast unsichtbar sein. Die Freilandbiologin Julia Fischer etwa erzählt, ihr sei übertriebener Ehrgeiz unterstellt worden, als sie eine Professur anstrebte. Hand aufs Herz: hat so was schon mal ein promovierter Mann gehört?

Trotz solcher Erinnerungen begeistert das Buch für ein Leben als Forscherin. Es braucht Mut, diesen Berufsweg einzuschlagen und sich weder vom schwierigen Umfeld noch von komplizierten wissenschaftlichen Problemen abschrecken zu lassen (das gilt für die Männer natürlich auch).

Frauen, die forschen – dieser zweideutige Titel stammt von der Herausgeberin Jeanne Rubner, einer Redakteurin der Süddeutschen Zeitung. Nur forsche Frauen forschen auch, davon berichtet jedes der Porträts der Frauen, die sich mit Hirn, Viren, Algorithmik, Teilchen und Materie, Sprache, Sternen, Stammzellen und Halbleitern beschäftigen. Am besten hat das Ursula Keller, Professorin für Quantenelektronik an der ETH in Zürich, auf den Punkt gebracht. Sie sagt, forschen sei wie eine Bergwanderung. Man dürfe nicht nur die Aussicht vom Gipfel genießen, denn man entdecke nicht jeden Tag etwas Großes, und es gäbe immer irgendwo einen höheren Berg. Ein(e) Forscher(in) finde die Befriedigung auch auf dem Weg zu der großen Entdeckung.

Übertriebener Ehrgeiz?

Keller ist auch eine der sieben vorgestellten Frauen, die den vermeintlich unlösbaren Konflikt „Familie und/oder Karriere“ gelöst haben. Und deshalb rät die Mutter zweier Söhne jungen Physikerinnen dringend zu guter Forschung, Karriere und Familie. Wer dagegen etwas einzuwenden habe, solle sie anrufen. Oder sich ein Vorbild an Madame Curie nehmen.

Was das Buch unbedingt empfehlenswert macht, sind die Fotos. Deren Urheberin, die mehrfach preisgekrönte Fotografin Bettina Flitner, erhielt laut Verlagsinfo angeblich die Idee für dieses Buch, „als sie versuchte, ein Foto von Christiane Nüsslein-Volhard aufzutreiben. Egal, bei welcher Agentur sie auch anfragte: Fehlanzeige. Und das, obwohl die Wissenschaftlerin gerade als erste Deutsche den Nobelpreis für Medizin erhalten hatte.“

Verkaufsfördernde Anekdote?

Tatsächlich? Kein Foto von Frau Nüsslein-Volhard, weder bei DPA noch bei AP? Nun ja, egal ob diese verkaufsfördernde Anekdote nun der Wahrheit entspricht oder nicht – Flitner hat die Forscherinnen mit viel Gefühl fürs Detail ins großformatige Bild gesetzt – und die Fotografierten zeigten sich erstaunlich wenig zimperlich. Da steigt Christiane Nüsslein-Volhard zwischen die Seerosen im eigenen Gartenteich, wagt sich Angela Friederici im schicken Stiftrock mit einem wackeligen Kahn aufs Wasser, erklimmt die junge Mathematikerin Olga Holtz im gelben Etuikleid die Fluchtleitern an der TU Berlin.

Die Bilder touren momentan als Ausstellung durch Deutschland. Jetzt sind sie in Frankfurt, im November sollen sie in Konstanz aufgehängt werden. Hingehen, ansehen!




Letzte Änderungen: 18.06.2009





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