
Buchbesprechungvon Hubert Rehm |
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![]() Reinhard Renneberg Bioanalytik für Einsteiger: Diabetes, Drogen und DNA Gebundene Ausgabe: 284 Seiten Verlag: Spektrum Akademischer Verlag; Auflage: 1 (Oktober 2008) Sprache: Deutsch ISBN-10: 3827418313 ISBN-13: 978-3827418319 Preis: 34,98 EUR |
Lehrbuchknüller aus Hong-Kong - Bilderbuch für Bioanalytiker Hohe Erwartungen knüpfte der Rezensent an Reinhard Rennebergs neues Werk – und sie wurden erfüllt. Nach seinem ungemein erfolgreichen Biotechnologie für Einsteiger hat der in Hong-Kong lehrende Biowissenschaftler Reinhard Renneberg ein neues Werk herausgebracht: Bioanalytik für Einsteiger. Die Bücher ähneln sich im Aufbau: Unzählige Bilder, Bildchen, Fotos, Cartoons, Graphiken und Schemadarstellungen illustrieren einen Text, der zumindest dem Rezensenten flüssig einging. Alles wird anschaulich dargestellt: wer es mit Renneberg nicht kapiert, kapiert es nie. Am Ende jedes Kapitels stehen Fragen zur Selbstkontrolle, der Text wird durch Kästen unterbrochen, es wird auf weiterführende Literatur und Weblinks verwiesen. Dazu gibt es ein Glossar, ein Personen- und ein Sachverzeichnis. Autor Renneberg ist zwar schon ein älteres Semester (Sorry, Reinhard!), dennoch scheint er eine kindliche Freude an Spielereien zu haben: Gelfiltration und Ionenaustauschchromatographie mit Elefanten, Giraffen und Känguruhs, darauf muss man erst mal kommen! Des gleichen darauf, ein Modell der Glucoseoxidase zum Selberfalten anzubieten. Die Bioanalytik für Einsteiger könnte zum Kultbuch werden. Dazu könnten auch Rennebergs Anekdoten aus der eigenen Forschung in dem exotischen, inzwischen untergegangenen Ländchen „DeDeeRR“ beitragen. So las der staunende Wessi-Rezensent, dass die „DeDeeRR“ in punkto Biosensoren weltweit führend war dank der Zähigkeit eines einzelnen Ossi-Forschers, und auch in punkto ORWO Gelatine und Polyurethankleber aus volkseigener Schuhproduktion. Prominente Co-Autoren Die Kästen wurden oft von Fremdautoren geschrieben. Dazu hat Renneberg fast alles zusammengetrieben und eingespannt, was in der deutschen Lehrbuchschreiber-Szene Rang und Namen hat: den Verhaltensforscher Bert Hölldobler – Pulitzer-Preisträger, Ameisenpapst und Autor des ultimativen Ameisenbuchs The Ants; Cornel Mülhardt, Autor des Experimentator Molekularbiologie; Werner Müller-Esterl, Autor des Lehrbuchs Biochemie; Friedrich Lottspeich, Autor der Bioanalytik; Hans Bisswanger, Autor von Enzyme Kinetics; Stefan Dübel, Autor von Rekombinante Antikörper und Handbook of Therapeutic Antibodies. Letzterer ist Eingeweihten übrigens auch als Autor eines geheimnisvollen SF-Romans bekannt. Wahrlich: In Rennebergs Buch tummelt sich die Prominenz. Selbst einen leibhaftigen Laborjournal-Autoren konnte Renneberg zu einem Beitrag überreden. Gesunder Menschverstand täte es auch Ein Prominenter, auf den Renneberg besser verzichtet hätte, ist Wolfgang Schmidbauer, der Erfinder des Begriffs „Helfersyndrom“. Zwar ist die von Schmidbauer geschriebene Box vom Thema her interessant und seine Stoßrichtung dem Rezensenten sympathisch, denn auch er ist der Meinung: „Wer nur sich selbst potentiell schädigt und keine Dritten gefährdet, sollte in einer demokratischen Gesellschaft nicht bedroht werden, solange er die Konsequenzen seines Handelns trägt.“ – doch bei seiner Begründung stellen sich einem die Haare auf. Schmidbauer plädiert für eine Freigabe von Drogen wie Kokain und Heroin, weil es erwiesen sei, dass der Durchschnittbürger diese Drogen ähnlich beherrsche wie Alkohol oder Tabak. Eine Freigabe würde der Drogenkriminalität den Boden entziehen und Kosten sparen – zumal die derzeitigen Verbote sich eh nicht durchsetzen ließen. Zudem, fügt der Rezensent an, kommen die Drogenkonsumenten via Steuer auf ihre Droge plus kürzere Lebenserwartung (gleich weniger Rente) für ihre höhere Inanspruchnahme der Krankenkassen auf. Die einzige Ausnahme sieht der Rezensent beim Rauchen, denn dabei werden Umstehende gegen ihren Willen belästigt beziehungsweise geschädigt. Rauchen dürfte nur in Kabinen mit Spezialfiltern erlaubt sein. Was stört also den Rezensenten dennoch an der Schmidbauer-Box? Schmidbauer ist kein Wissenschaftler, sondern Psychoanalytiker und er tut, was Psychoanalytiker am liebsten tun: auf papierdünner Faktenbasis herumspekulieren und hochtrabend psychologisieren. Schmidbauers drei Seiten könnte man ohne Informationsverlust auf eine kürzen. Auch dann wäre das Ergebnis noch kein wissenschaftlicher Artikel, sondern lediglich eine Äußerung des gesunden Menschenverstands (der gelegentlich auch bei Psychoanalytikern durchzublitzen scheint). Kleinere Mängel fallen nicht ins Gewicht Weiter mit Rennebergs Buch. Nicht alles ist glücklich formuliert; so schreibt Renneberg, bei der Kapillarelektrophorese sei die Wärmeabfuhr wegen der großen Oberfläche optimal. Das ist zwar nicht falsch, es ist aber auch nicht richtig: Die Wärmeabfuhr ist hoch (nicht optimal!) wegen des hohen Oberfläche-zu-Volumen-Verhältnisses der Kapillare. Missverständlich ist auch die Feststellung in Box 3.9, dass es nach einer Azetylcholinesterase-Vergiftung und der daraus folgenden Azetylcholinanreicherung im synaptischen Spalt zu einer Dauererregung kommt. Der Rezensent hat aus längst vergangenen Doktorandentagen noch in Erinnerung, dass es bei langer Azetylcholin-Überreizung wegen der Inaktivierung des Azetylcholin-Rezeptors genau zum Gegenteil kommt, zur Dauerblockade. Weitere Mängel: Manche Bilder sind zu klein, so etwa Abb. 2.28, 7.27 und 6.29; es nervt, dass x-mal das Gewicht von Lottspeichs Bioanalytik angegeben wird, und das auch noch verschieden; der oder die Korrekturleser waren unaufmerksam, so fehlt zum Beispiel bei der zweiten Selbstkontrollfrage auf Seite 225 ein Halbsatz. Aber welchem Autor gelingt schon eine fehlerfreie Erstauflage eines solch umfassenden Lehrbuchs? Und wieviel deutsche Autoren brächten wohl die Seelenstärke auf, ein eigenes (früheres) Buch als langweilig zu bezeichnen. Das macht Rennebergs Stärke aus: Humor und Selbsterkenntnis als Ansatz zur Verbesserung. Seine Bioanalytik für Einsteiger ist definitiv nicht langweilig. Allein schon Rennebergs Selbstbiografie im Vorspann „Wie ich zum Bioanalytiker wurde“ ist das Geld wert. |