Buchbesprechung

von Winfried Köppelle




Uwe Kamenz & Martin Wehrle
Professor Untat. Was faul ist hinter den Hochschulkulissen

Broschiert: 282 Seiten
Verlag: Econ (Februar 2007)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3430200180
ISBN-13: 978-3430200189
Preis: 11,00 EUR

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Die Hochschul-Lehrer angepinkelt

Professorenschelte hat in Deutschland eine kurze, aber erfolgreiche Tradition – man erinnere sich nur an die Bestseller des Literaturprofessors und Autors Dietrich Schwanitz ("Der Campus"; "Der Zirkel"). Schwanitz ist vor zwei Jahren gestorben, doch unlängst sorgte ein weiteres Buch für großes Aufsehen in den Medien und für ebensolchen Unmut bei der beschriebenen Personengruppe: Professor Untat, verfasst von dem Journalisten Martin Wehrle sowie dem Dortmunder Fachhochschul-Professor Uwe Kamenz. Darin wird Deutschlands neben Arzt, Polizist und Krankenschwester angesehenster Berufsstand – der des Professors – durchleuchtet, analysiert – und anschließend mit geradezu diabolischer Lust zerfleddert.


Professoren "mit viel Zeit"

In die Medien kam das Buch durch einen genialen, verkaufsfördernden Trick – immerhin lehrt Mitautor Kamenz an der FH Dortmund u.a. "Marktforschung und Dienstleistungsmarketing". Um einen Beweis für die These zu haben, dass viele deutsche Professoren untätig seien (und wohl auch, um die Verkaufszahlen für ihr entstehendes Buch anzukurbeln), schalteten die Autoren eine chiffrierte Stellenanzeige in der Wochenzeitung Die Zeit. Darin wurden "Hochschulprofessoren für Beratungs- und Repräsentationszwecke an zwei bis drei Tagen pro Woche" gesucht.

Eigentlich sollte dieser verlangte Zeitaufwand eine nicht zu erfüllende Bedingung darstellen: Professoren dürfen, so Autoren, nicht mehr als ein Fünftel ihrer regulären Arbeitszeit für Nebentätigkeiten verwenden – und sich diese zudem vom Dienstherrn genehmigen lassen. Doch Überraschung: Es meldeten sich 51 Personen, darunter ein Hochschulpfarrer und ein Journalist, sowie – 44 Professoren.

Die mitprotokollierten, abgedruckten Telefonate mit den ahnungslosen, professoralen Stellenbewerbern sind ein Glanzlicht dieses Buchs. Da brüstet sich ein FH-Professor aus Baden-Württemberg damit, dass er ja "genügend Zeit" habe, dass er "auch mal die eine oder andere Vorlesung ausfallen lassen" könne, und dass die ihm durch die Nebentätigkeit entstehenden Fixkosten "ja vom Staat abgedeckt" seien. In den knapp fünf Monate dauernden Semesterferien habe er "100 Prozent Zeit", während der Vorlesungszeit könne er locker auch drei Arbeitstage pro Woche fehlen. Ein Kollege von einer Technischen Hochschule bietet an, er könne aus einer eventuellen Nebentätigkeit entstehende Arbeiten bei Bedarf gerne von seinen universitären Assistenten und Studenten erledigen lassen.


Der rührige Teilzeitpräsident

Und auch ein leibhaftiger Fachhochschul-Präsident, ein "Prof. Dr. rer. nat. habil.", ist laut seinem Bewerbungsschreiben in der Lage, "an zwei Tagen in der Woche eine Zusatztätigkeit auszuüben":

Er ist nicht nur Präsident einer Fachhochschule, er bekleidet gleichzeitig eine Professur an einer anderen Universität, sitzt in einem Aufsichtsrat, ist Mitglied zweier Vorstände und agiert als zweiter Vorsitzender eines Hochschul-Evaluierungsverbundes. [...] Nun wollen wir wissen, ob ein so viel beschäftigter Mann [...] tatsächlich zwei ganze Wochentage für unseren Nebenjob entbehren kann. "Das lässt sich ohne weiteres einrichten." Sein Ton fegt Zweifel weg, zwischen den Zeilen scheint zu schwingen: "Was denken Sie denn?! Als Präsident bin ich mein eigener Herr!" [...] Wir haben ihm einen Zwei-Jahres-Vertrag in Aussicht gestellt. Er wäre bereit, seine fünftägige Arbeitswoche an der FH über mindestens 24 Monate hinweg um jeweils zwei Arbeitstage zu kürzen. Ein Teilzeitpräsident mit vollen Bezügen. Jeden Montag und Freitag verschollen. Was möchte er im Nebenjob verdienen? [...] Das wäre ein Monatslohn von zirka 4000 Euro.

Kontrolle der Anwesenheit durch die Universität? Fehlanzeige! Der eingangs erwähnte Professor aus Baden-Württemberg zum Thema "Dienstaufsicht":

"Ich müsste das offiziell genehmigen lassen. Aber wo kein Kläger, da auch kein Richter. Wenn ich nicht mit dem Ferrari an der Hochschule auftauche, fragt auch keiner nach, welche Tätigkeiten ich außerhalb der Hochschule mache."

Klar, dass ein solches Buch Wellen schlägt. Dabei haben die Autoren der Versuchung widerstanden, lediglich populistisch auf die "faulen Professoren" einzuprügeln. Der überwiegende Teil des Buchs behandelt vielmehr die alltäglichen Absurditäten an deutschen Hochschulen: das ineffektive und langwierige Berufungsverfahren, das scheinbar nicht auszurottende Habilitationsunwesen sowie die panische Angst der Professoren, ihre Lehre von ihren Studenten benoten zu lassen.

Leser, die selbst studiert bzw. promoviert haben, werden die plastisch geschildeten, universitären Mißstände aus eigener Erfahrung kennen, alle anderen vermutlich nur ungläubig die Köpfe schütteln. Ein Wermutstropfen an dem sich flüssig zu lesenden Buch ist lediglich, dass Wehrle und Kamenz gerne polemisch werden und so manche Legende ungeprüft abdrucken: Mit dem Verfassen von Lehrbüchern ist kein Geld zu verdienen, liebe Autoren, und dass eine Doktorarbeit "möglichst theoretisch" sein müsse, ist ebenfalls Unsinn.

Die angegriffene Professorenkaste jedenfalls reagierte auf das Buch verschreckt und unsouverän. So sagte der Präsident des Deutschen Hochschulverbands, Bernhard Kempen, eine SWR-Radio-Diskussion mit Autor Kamenz kurzfristig ab. Er und der Hochschulverband "wollten grundsätzlich nicht mit Professor Kamenz diskutieren", so Kempen gegenüber dem SWR.

Mit dem Autor dieser Zeilen anscheinend auch nicht. Dieser erhielt von Kempen, trotz gegenteiliger Zusicherung, bis zum Redaktionsschluss dieser LJ-Ausgabe keine Antwort auf seine das Buch betreffenden Fragen.




Letzte Änderungen: 09.02.2008





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