Die präuniversitäre Zeit


Es reformiert wieder. Professoren jammern, Studenten klagen, Minister orakeln, Gremien deklarieren, Goldzähne blinken und aus allen Löchern pfeift's: die Universität ist schlecht. Nun ist die letzte Reform erst 20 Jahre alt. Und die vorletzte, nach 33, die war gar keine. Und die davor, in der Weimarer Republik, ging auch in die Hose. Schon im Mittelalter mußte die Universität alle 20 bis 30 Jahre reformiert werden - ohne daß sie sich verändert hätte. Die Universität ist reformresistent. Um das Wesen der Universität zu begreifen (und das wollen wir doch alle), gilt es ins Mittelalter hinabzusteigen, denn dort liegen die Wurzeln dieser Institution - Wurzeln, die heute noch saugkräftig sind.
Ich habe also eine Geschichte der Universität geschrieben, ein Fortsetzungsroman in sechs Folgen, der allerdings reichlich miesepetrig ausfiel. An mir lag's nicht: die Fakten stammen zu 90 % von Historikern, so die der ersten drei Folgen von Georg Kaufmann und Alexander Kluge; der Rest ist eigene Quelleninterpretation mit einem Quentchen Raten. Das Gewicht liegt auf den wirtschaftlichen und sozialen Triebkräften, auf dem Kern der Universitätsorganisation.
Die ersten Folgen dieser Serie spielen in Nordfrankreich, denn dort entstand das Vorbild der deutschen Universitäten, die Universität Paris.

Magister


Griechische Philosophie und römische Technik kamen ohne Universität aus. Das Mittelalter anfangs auch, denn erst im 13. Jahrhundert wurden Universitäten gegründet. Doch auch vorher gab es Gelehrte, und die pflegten in Kirchen und Klöstern eine spezielle Form des geistigen Zeitvertreibs: die Scholastik. Dies aber ohne formale Organisation, ohne Titel und Diplome. Die Scholastik wollte die christliche Lehre logisch erklären. Man stellte Fragen an die Bibel und beantwortete sie durch Vernunftschlüsse. Beliebt waren schlüpfrige Fragen, wahrscheinlich um das Inter esse der Hörer zu fesseln.
  • Konnte Christus auch als Weib geboren werden?
  • Hätte Jesus auch aus dem Fuß oder der Hand Marias geboren werden können? (als Anregung für Molekular- und Entwicklungsbiologen)
  • Ist Christus beschnitten oder unbeschnitten auferstanden?
  • Kann Jesus eine Erektion bekommen?
Grundproblem der Scholastik war der Universalienstreit: die Nominalisten behaupteten. nur Einzeldinge wären wirklich vorhanden (z.B. Esel), Gattungen (z.B. Huftiere) dagegen nur Vorstellungen unseres Hirns. Die Realisten glaubten, daß auch die Gattungen Sachen wären. Gattungen würden vor den Einzeldingen und als deren Ursache existieren. Heute kommt einem das vor wie die liliputanische Eierfrage, doch damals hingen Dogmen (z.B. die Dreifaltigkeit) von den Universalien ab und man spaltete Haare und Köpfe darüber. Erst im 16. Jahrhundert. wurden die Gelehrten des Scheinproblems überdrüssig, vornehm ausgedrückt, man überwand es. Wer die Scholastik nun mit einem Schmunzeln abtut, vergißt, daß sich manche ihrer Denkformen erhalten haben: nach der Wrigley-Methode (kaue bis zur Geschmacklosigkeit) lösen die Philosophen und Theologen ihre Probleme auch heute noch. Und die Neigung der Scholastik, unbestimmte Begriffe mit undefinierten zu erklären, scheint mir in den Geisteswissenschaften fröhlich weiterzuleben. Und schließlich ist - Oh, Jesus verzeih mir - die Frage nach Deiner Erektion geradezu originell, verglichen mit dem, was heute an soziologischen, psycho ogischen oder gar theologischen Fachbereichen als Promotionsthema ausgegeben wird. Dagegen scheinen mir Bemühungen, "die Scholastik aus ihrer Zeit heraus verstehen zu wollen" sophistisch zu sein: Geschwafel ist Geschwafel - zu jeder Zeit. Dieser Ansicht waren die Scholastiker selbst auch. Zumindest Simon von Tornay, der um 1200 ein gefeierter Magister war. Nach einem eindrucksvollen Vortrag baten ihn nämlich seine Schüler, seine Thesen aufschreiben zu lassen. Simon lachte:
"O Jesulein, o Jesulein, wie habe ich heute deiine Lehre verteidigt und erhöht, aber wahrlich, wenn ich sie in böserAbsicht angreifen wollte, dann würde ich noch viel stärkere Gründe und Beweise dagegen anzuführen wissen."
Gut - diese Klarheit über ihr eigenes Tun mögen nicht viele Gelehrte gehabt haben, doch daß der Kollege leeres Stroh dresche, das war die Meinung aller. Und alle hatten recht. Es ging also nicht um Wahrheit, es wurde nicht experimentiert, nichts gemessen. Ziel war, den Konkurrenten durch schlagfertige Disputation, blendende Sophismen, originelle Fragen zu übertrumpfen. Dieser Sachverhalt war dem mittelalterlichen Gelehrten durchaus klar, er beklagte ihn häufig genug. Man darf ihn sich also nicht als weltfremden Spinner vorstellen. Im Gegenteil. So sind unsere Fachbereichsintrigen von einer geradezu degenerierten Harmlosigkeit gegen scholastische Ränkeschmieden. Da wurde nicht nur verleumdet. Da wurde verketzert, auf Konzilien verklagt, dem Gegner eingeheizt im Sinne des Wortes (s. Gelehrtenfreundschaft). Soweit zu den Lehrinhalten.
Mit originellen Fragen übertrumpfen
Zur Organisation der Lehre: Die Leitung einer Schule hatte der Kanzler oder der Scholaster des Domkapitels. Dieser Kanoniker wurde durch Pfründen unterhalten. Die Magister dagegen lebten meistens von ihren Schülern, von denen viele aus reichen Adels- oder Bürgerhäusern stammten. Tatsächlich zogen tausende von Studenten von einem Magister zum nächsten. Die gehobene Unterhaltung zog sie an und die Ausbildung im spitzfindigen Disputieren. Auch steigerte es das Ansehen und die Aussichten auf Kirchenämter, Schüler eines berühmten Lehrers gewesen zu sein. Um die Studenten herrschte freier Wettbewerb; eine formalisierte Lehrerlaubnis gab es nicht. Jeder hergelaufene Student konnte einem altehrwürdigen Gelehrten Schüler und Brot nehmen, wenn er nur besser war, was damals hieß, das bessere Mundwerk zu haben. Allerdings versuchten die Domkapitel im 12. Jahrhundert, die Lehre an den Domschulen von ihrer Genehmigung abhängig zu machen. So verweigerte der Scholaster an der Kreuzkirche in Orleans um 1170 einem Magister Fulco die Erlaubnis, eine Vorlesung an der Domschule anzukündigen. Doch Fulco klagte beim Papst und der verfügte, daß der Scholaster die Erlaubnis zu erteilen habe. Andernfalls müsse er vor dem Abt von St. Genovefa in Paris den Beweis erbringen, daß Fulco unfähig sei.
Wichtig war, Schüleranzulocken
Doch selbst im Falle Fulcos ging es dem Domkapitel weniger um das Recht, die Lehrerlaubnis zu erteilen, als um das Recht, Gebühren für die Lehrerlaubnis zu kassieren. Zudem war ein Magister nicht auf die Domschule angewiesen. Er konnte, auch in Paris, ohne Formalitäten eine eigene Schule gründen. Einzige Voraussetzung des Magister-Seins war es, Schüler anlocken zu können.
Mal lehrte er, mal hörte er zu
Schließlich war auch das Laufbahn denken dem präuniversitären Gelehrten fremd: mal lehrte er, mal hörte er. Es kam sogar vor, daß ein Pfründeninhaber sein Lehramt einem anderen anbot und bei diesem hörte. Dieses wissenschaftliche Leben war in Nordfrankreich besonders rege. Zahllose Magister lehrten noch zahllosere Studenten. Da alle diese Studenten sich später als Magister betätigen konnten und dann noch mehr Studenten zu ihrem Lebensunterhalt brauchten, war dieses Schulwesen, wirtschaftlich gesehen, ein Schneeballsystem. Die kirchliche Hierarchie konnte die Magistermassen nicht aufnehmen und die Konkurrenz um Schüler wurde immer schärfer.

Erstveröffentlichung: Februar 1995




Letzte Änderungen: 08.09.2004





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