Universitätsreform der 68er
In den 60er Jahren gelang es den Studenten und etwelchen Bil dungspolitikern, die Hochschul politik als Angelpunkt derWelt geschichte hinzustellen. Der Streit der Studentenvereinigungen und der Professorenschaft um Einfluß und Pöstchen geriet darauflhin zur Wagner-Tragöde: der Untergang des Abendlandes gegen die Revolution des Proletariats.
Dies nützte die dritte Kraft an der Uni, der Mittelbau: Auch er forderte nun Mitbestimmung in der Selbstverwaltung. Mit dem einleuchtenden Argument, daß die Assistenten schließlich das gleiche täten wie die Professoren. Der Mittelbau organisierte sich 1968 in der Bundesassistentenkonferenz (BAK) und das Bundesministerium für Bildung und Wissenschaft (BMBW) finanzierte die Zwangsorganisation. Die BAK forderte (1970, Kreuznacher Hochschulkonzept):
- Drittelparität,
- Assistenzprofessor (nach amerikanischem Vorbild und mit einem Zeitvertrag auf 6 Jahre),
- Abschaffung der Habilitation,
- Gesamthochschulen,
- wolkiges wie Emanzipation der Gesellschaft über den Sozialisationsbereich Hochschule.
Die Effizienz sollte sich auf wunderbare Weise durch demokratische Mitbestimmung vermehren. Die Forderungen der BAK wurden 1970/71 (vorübergehend) von der WRK und 1973 vom DGB übernommen. Viele der BAK-Forderungen stammten aus Empfehlungen des Wissenschaftsrats (WR). Der hatte schon 1964 eine Art Assistenzprofessor, den Hochschuldozenten, vorgeschlagen und zur Habil meinte der WR 1967:
"Angesichts der vorgeschlagenen Modifizierungen des Habilitationsverfahrens stellt sich die Frage, ob die Habilitation überhaupt beibehalten werden soll. Das Fehlen einer der Habilitation äquivalenten Einrichtung hat die stürmische Entwicklung der Wissenschaft in anderen Ländern in keiner Weise beeinträchtigt."
Unterstützt von Bundesregierung und den Gewerkschaften wurde der Mittelbau eine Zeitlang zur entscheidenden Kraft an der Uni. Denn die Professoren waren eingeschüchtert und die Studentenbewegung zerbrach in sich gegenseitig bekämpfen de Grüppchen.
Fast hätte sich die BAK durchgesetzt
Zwar nahmen eine Vielzahl von Verbänden wie DBB, HV, ÖTV, GEW,... zur Hochschulreform Stellung, doch ohne sich eigene Gedanken zu machen. Es blieb bei den von WR, BAK und den Kultusministerien erarbeiten Reformen, die man entweder unterstützte oder ablehnte. Drei Jahre lang von 1968 bis 1970 gab es für die BAK keinen ernstzunehmenden Gegner. Fast hätte sie sich durchgesetzt. Fast. Denn erstens litt auch die BAK unter ideologischen Nebelwerfern und zweitens mahlten die Regierungsmühlen zu langsam. Zuständig für die Universitäten waren ja die Kultusministerien der Länder und die regierte damals mehrheitlich die CDU/CSU. Von den Kultusministerien mußte sich die Bundesregierung erst die Kompetenz für ein Hochschulrahmenrecht erkämpfen. Den CDU/CSU-Kultusministerien aber lagen formal-bürokratische Reformen am Herzen, Reformen, die das Ordinariensystem optimieren es aber im Wesentlichen intakt lassen sollten. So forderte die Kultusministerkonferenz (KMK) 1968 die Regellehrverpflichtung für Professoren, kleine Fachbereiche statt Fakultäten, Präsidialverfassung, öffentliche Ausschreibung freier Lehrstühle und, um die Studiendauer zu verkürzen, eine Studienreform mit Studienplänen und Zwischenprüfungen. Die Verzögerungstaktik der CDU/CSU regierten Länder gab den Professoren Zeit sich zu erholen. Seit 1970 sammelten sich die konservativen Professoren im Bund Freiheit der Wissenschaft (BFW). Mit neuem Mut und mit den Methoden ihrer studentischen Gegner (z.B. Flugblättern) stürzten sie sich in die Schwafelschlachten jener Jahre. Der BFW war, wenn es denn sein mußte, zu formalen Reformen bereit, doch die Mitbestimmung von Nicht-Professoren lehnte er ab, Assistenzprofessor und Abschaffung der Habil ebenfalls. Der BFW genoß die Unterstützung des Bundes der deutschen Industrie. Ob die Industrie von den hochschulpolitischen Zielen des BFW überzeugt war, ist zweifelhaft. Doch schien ihr der BFW ein Damm, der sich der linken Studenten- und BAK-Ideologie entgegenstemmte. Im Kielwasser des BFW schwenkten nun auch der Hochschulverband (HV) und die WRK auf Kampfposition ein, lehnten den Assistenzprofessor ab, wollten die Habil beibehalten. Fast wäre es zu spät gewesen.
Schon um 1970 hatten viele Länder die Mitbestimmung von Studenten und Mittelbau eingeführt. In SPD regierten Ländern blieb kaum die Vorherrschaft der Professoren bei Berufungen erhalten. Bremen erreichte sogar die Drittelparität und vielerorts war man dabei, dem Assistenzprofessor Leben einzuhauchen.
Bundesverfassungsgericht verhindert Drittelparität
Da: ein Donnerschlag! Das Urteil des Bundesverfassungsgerichts vom Mai 73: Wissenschaftsfreiheit sei ein Individualrecht der Professoren, die Drittelparität nicht verfassungskonform . Von da an gings bergab. Zwar wäre noch nicht alles verloren gewesen. Das Urteil hätte man, den politischen Willen vorausgesetzt, im Sinne der BAK auslegen können. Doch eben dieser Wille fehlte: 1974 löste sich die BAK in der GEW auf. Der BAK-Selbstmord hängt eng mit den Lebensläufen der BAK-Funktionäre zusammen. In den 70er Jahren wurden die nämlich selbst Professoren. In überraschend hohem Maße. Das lag vermut lich nur zum Teil am großen Bedarf (Hochschulerweiterung), Professorenzünfte und Kultusbürokratie betrieben auch Appeasement-Politik, wandten "Das Sein bestimmt das Bewußtsein" praktisch an. Zudem: Das für ihre Vereinspolitik Entscheidende, die Mitbestimmung, hatten Studenten und BAK erreicht. Um eine effizientere Universität, bessere Forschung, war es im Grunde weder ihnen noch den Professoren gegangen. Schon, was unter Leistung zu verstehen, wie sie zu messen sei, blieb unklar.
Assistenzprofessur verschwand stillschweigend
Die Selbstverwaltung aufheben, Wettbewerb einführen, das Einkommen der Professoren von ihren Lehr- und Forschungsleistungen abhängig machen, ihren Beamtenstatus aufheben: Eine solche Reform hätte allein vom Staat kommen können. Doch von Kultusbürokraten etwas anderes als bürokratische Reformen zu erwarten, das hieße Haselnüsse von Trauerweiden schlagen. Nein, die 60er und 70er waren nicht die Zeit für Wettbewerb oder leistungsgerechte Bezahlung. Im Gegenteil. In den 60er Jahren vernichtete man das einzige Wettbewerbsinstrument, das wie kein anderes die Professoren zu guten Vorlesungen beflügelt hatte: man ersetzte die Kolleggelder durch eine Pauschale. Und so, als sich der Nebel verzogen hatte, als die Revolte mit dem Hochschulrahmengesetz von 1976 abgeschlossen war, stellte sich heraus, daß nur Zunftziele (die beschränkte Mitbestimmung) und bürokratische Formalreformen (z.B. Zwischenprüfungen, öffentliche Ausschreibung von Lehrstühlen) verwirklicht worden waren. Der Assistenzprofessor und die Abschaffung der Habilitation zogen den kürzeren. Der Assistenzprofessor hatte es auch besonders schwer. Er sollte zur Parität der Professoren gezählt werden, was diese entmachtet hätte. Zudem sahen viele Professoren in ihm einen Angriff auf die Lebenszeitprofessur. Und so entdeckten sie ihr Herz für das schwere Schicksal des Assistenzprofessors. Unsozial sei das: Nach sechs Jahren entlassen werden, sich eine andere Stelle suchen müssen. Vielen Assistenten leuchtete das ein. Und so verschwand der Assistenzprofessor 1974 im Bundestagsausschuß für Bildung und Wissenschaft. Die Habilitation wurde stillschweigend beibehalten. Was hat die Reform gebracht?
Ziel der Kultusbürokratie war eine Verkürzung der Studiendauer. Sie wurde länger. Und überfüllt sind die Unis bekanntlich immer noch. Und sonst? Die Mitbestimmung von Studenten und Mittelbau schließlich ist zweifellos demokratischer als die Ordinarienverfassung, aber läuft Bürokratie effizienter, wenn statt einer Interessengruppe, drei an einer Entscheidung beteiligt sind? Sicher, der Assistent wird seine SDS-Gele mit größerer innerer Zufriedenheit gießen, wenn er weiß, daß sein Repräsentant im Fachbereichsrat sitzt und dort zusehen darf, wie die Professoren die Berufungslisten zusammen schmieden. Aber vielleicht wäre es dem Assistenten noch wichtiger schon mit 31 selbständig zu werden und nicht erst mit 41 (durchschnittliches Habilalter)? Vielleicht wäre es ihm noch wichtiger, seine Ideen und Arbeit unter eigenem Namen verkaufen zu dürfen? Was also hat die Reform gebracht? Den BAK-Funktionären Lehrstühle, der Frankfurter Allgemeinen Zeitung Anzeigen und den Selbstverwaltern endlose diffuse Gremiensitzungen.
Studentenführer und was aus ihnen wurde
| BAK-Funknionär |
Fach |
Funktion damals |
Position später |
| Egon Becker |
erzieh. |
Gegenkandidat |
Prof., Frankfurt < 1980 |
| Hellmuth Bütow |
soz. |
stellv. Vorsitzender, 1968 |
Prof., FU Berlin, 1970 |
| Diethelm Conrad |
theol. |
Mitgl. des vorbereitenden Ausschusses, Sprecher 68 |
Prof., Marburg, 1975 |
| Gerd Fleischmann |
pol. |
Mitglied des vorbereitenden Ausschusses, 1968 |
Prof., Frankfurt, 1971 |
| Peter Fischer-Appelt |
theol. |
Vorsitzender, 1969 |
Präsident, Uni HH, 1970 |
| Stephan Freiger |
math. |
Vorsitzender, 1973 |
Prof., GH Kassel |
| Eberhard Grabitz |
pol/jur. |
Mitglied des vorbereitenden Ausschusses, 1968 |
Prof., FU Berlin < 1980 |
| Peter Hauck |
|
stellvertretender Vorsitzender 1969/70 |
Planungsdezernent GH Essen |
| Ludwig Huber |
didaktik |
stellvertretenderVorsitzender 1969/70 |
Prof., 1975 |
| Gert Jannsen |
geo. |
Vorsitzender 8. Nov. 1970 |
? |
| Dieter Keiner |
|
stellvertretender Vorsitzender, 1973 |
? |
| Helmut Lenzing |
math. |
Mitglied des vorbereitenden Ausschusses, 1968 |
Prof., < 1980 |
| Hans Wolfgang Lesch |
|
stellvertretender Vorsitzender, 1970 |
? |
| Hans Mayer |
jur. |
stellvertretender Vorsitzender, 1968 |
? |
| Walter Mayer |
|
Mitglied des vorbereitenden Ausschusses, 1968 |
Prof., < 1980 |
| Manfred Meissner |
|
Mitglied des vorbereitenden Ausschusses, 1968 |
? |
| Bodo Morgenstern |
techn. |
Mitglied des vorbereitenden Ausschusses, 1968 |
Prof., Hamburg, 1973 |
| Jürgen Moritz |
|
Mitglied desvorbereitenden Ausschusses, 1968 |
? |
| Peter Müller |
|
Sprecher, 1973 |
? |
| Wolf Dieter Narr |
pol. |
Mitglied des vorbereitenden Ausschusses |
Prof., FU Berlin < 1980 |
| Harro Plander |
jur |
stellvertretender Vorsitzender, 1970 |
Prof., Hamburg, 1975 |
| Rolf Schulmeister |
didaktik |
stellvertretender Vorsitzender, 1970 |
Prof., Hamburg, 1975 |
| Tilmon Westphalen |
didaktik |
Vorsitzender, 1969/70 |
Prof., Osnabrück |
| Uwe Andreas Wolf |
|
stellvertretender Vorsitzender, 1970 |
? |
Erstveröffentlichung: Februar 1996
Letzte Änderungen: 08.09.2004