Die Gründung der Uni Paris


Paris


Paris war um 1200 ein Zentrum des wissenschaftlichen Lebens. Hunderte von Magistern lehrten auf der Seine-Insel - d.h. sie dachten sich Fragen aus, weltbewegend bis weltfremd, und beantworteten sie den staunenden Studenten mit Hilfe der Bibel, des Aristoteles, der Kirchenväter und ungeheuerer Spitzfindigkeit: sie spalteten Haare nicht nur, sie flochten sie auch noch in Zöpfchen. Und keineswegs ging es nur um Fragen der göttlichen Sexualität, wie man vielleicht aus der ersten Folge dieser Serie schließen könnte. Auch Grundlegenderes wurde diskutiert: Zum Beispiel ob es nach der Auferstehung gestattet sei, zu essen und zu trinken. Und dies bringt uns zwanglos zum wichtigsten Problem der Magister, die Hörergelder der Studenten. Weil es immer mehr Magister gab, wurde der Wettbewerb um die Studenten immer schärfer. Denn damals wurde noch Magister, wer sich berufen fühlte, eine formalisierte Berufung gab es nicht. Nur wer an der Bischofskirche lehren wollte, mußte die Erlaubnis der bischöflichen Behörde einholen. Das hätte letztlich zu einem Gleichgewicht zwischen Magister- und Studentenzahlen geführt, zur Selektion der geschmiertesten Zungen und genügsamsten Mägen - doch die Magister entdeckten ein Gegenmittel: sie schlossen sich zusammen und beschränkten den Zugang zum Magistertum. Diese soziale Taktik ist nicht in Gelehrtenköpfen entstanden. Die Magister ahmten Einrichtungen der Handwerker nach. Deren Meister hatten sich schon ein Jahrhundert früher in Zünften vereinigt.
Das wichtigste Recht der Zünfte war das Monopol auf ihr Handwerk. Nur Zunftmitglieder durften backen, weben oder gerben. Da dieses Monopol wertlos war, solange die Zunft jedem offenstand, kam bald das Privileg der Kooptation (Selbstergänzung) hinzu: die Meister bestimmen, wer in die Zunft eintreten darf und wer Meister wird. Ein soziales Meisterwerk! Denn mit Monopol und Privileg konnte die Zunft die Zahl ihrer Mitglieder begrenzen und dadurch die Nahrung der Zunftmitglieder, vor allem die der Meister, sichern - auf Kosten der Nicht-Zünftigen. Und die, unorganisierte Einzelne, waren machtlos. Zwar mußte die öffentliche Gewalt (die Stadt, der Fürst) Monopol und Privileg absegnen, doch die tat das gerne, weil ihr die Zünfte dafür Geld und politische Unterstützung boten.
Die Pariser Magister vereinigten sich zwischen 1200 und 1207 zu einer Zunft (Universitas ist das lateinische Wort dafür). Der Anlaß (nicht der Grund) war folgender: Im Jahre 1200 wurde der Diener eines vornehmen deutschen Scholaren in einer Kneipe verprügelt. Darauf rottete sich ein Haufe Studenten zusammen und schlug den Wirt halb tot. Um ihn zu rächen, stürmten die Pariser Bürger unter Führung des Stadtvogts das Haus der deutschen Scholaren. Im Handgemenge erstachen sie den Herrn jenes Dieners und einige seiner Freunde. Darafhin verschworen sich die Magister, bildeten eine Kommission und forderten beim König Vergeltung; anderenfalls, so drohten sie, würden sämtliche Scholaren Paris verlassen. Das Ergebnis war, daß der König den Vogt strafte und die Scholaren dem geistlichen Gericht des Bischofs unterstellte. Dieser Erfolg ermutigte die Magister, sich auf Dauer zu vereinigen, um Wichtigeres anzupacken:
Die Lehrerlaubnis (Lizenz), vergab der Kanzler des Pariser Domkapitels und er vergab sie oft (der Gebühren wegen) und oft nach Gutdünken. Um also den Zustrom an Konkurrenten einzudämmen, mußte das Lizenzrecht des Kanzlers eingeschränkt werden und dazu organisierten sich die Magister in einer Zunft (um 1207). Mit Erfolg. Schon 1213 durfte der Kanzler einem durch die Magister empfohlenen Kandidaten die Lizenz nicht verweigern. Zwei Jahre später durfte er die Lizenz nur an von der Universitas Geprüfte vergeben und damit hatte die Magisterzunft das Kooptationsrecht erkämpft: sie konnte die Zahl der Magister beschränken und den Wettbewerb um Studenten abwürgen. Das ging nicht ohne Streit. Der Bischof, der die bequeme Einnahmequelle behalten wollte, bannte die Rädelsführer unter den Magistern, intrigierte beim König. Vergebens. Auf den Bann antworteten die Magister mit Streik und beschwerten sich beim Papst. Der Bischof mußte nachgeben. Die Universität entstand also um die Frage: wer darf lesen?
Nun muß eine Zunft etwas verkaufen, Schuhe etwa, oder Schweinehaxen. Auch neigt eine Zunft dazu, die Produkte ihrer Mitglieder zu standardisieren (um den Wettbewerb unter ihren Mitgliedern zu unterbinden und der Qualitätssicherung wegen): Zinnkannen zum Beispiel hatten bestimmte vorgeschriebene Formen und Legierungen. Und also verkaufte die Universitas ihren Kunden deren eigene Eitelkeit, abgepackt in handliche Einheiten: in Grade. Der Student studierte zuerst die sieben freien Künste . Darin konnte er es zum Baccalar, dem niedrigsten Grad, bringen und dann Magister artium werden. Als Magister durfte er lehren (die sieben freien Künste) und gleichzeitig an einer der oberen Fakultäten (Theologie, Recht, Medizin) weiterstudieren. Er wurde dann Baccalar einer höheren Fakultät und schließlich Magister. Die Bewerber um einen Grad wurden von einer Kommission von Magistern geprüft und die allein vergab auch die Grade. Die Magister hatten also das Monopol auf Grade, so wie die Schneiderzunft das Monopol auf Nachthauben und Zipfelmützen besaß. Die Lizenz, die mit den Magistergraden verbundene Lehrerlaubnis, wurde auch weiterhin vom Kanzler vergeben, ohne daß dieser aber das Recht gehabt hätte, die Lizenz zu verweigern oder selbständig zu verleihen.
Die Zunft bestand aus Magistern und Studenten, Stimmrecht aber hatten nur die Magister - genau wie zu den Handwerkszünften auch die Lehrlinge und Gesellen gehörten, aber nur die Meister Stimmrecht hatten. Die Magister artium wählten aus ihren Reihen den Vorstand der Universitas, den Rektor. Der Rektor war gleichzeitig Vorstand der Artistenfakultät, während den oberen Fakultäten Dekane vorstanden. Die zahlreichen Magister artium und ihre Studenten unterteilten sich in vier Nationen, die, wie die Fakultäten auch, wiederum Zünfte waren. Daneben gab es noch die Kollegien, Kleinstuniversitäten, in denen Scholaren nach einer Hausordnung lebten. Die einzelnen Organe und Unterzünfte stritten sich untereinander und mit Bettelorden, Papst und Kanzler um Kompetenzen, Pfründen und Ehren, kurz: es herrschte ein heilloser Verwaltungswirrwarr. Bei der Gründung der Zunft war es eben nicht um eine Verbesserung des Lehrbetriebs gegangen, sondern um die Privilegien der Magister, um Ausschaltung des Wettbewerbs.
Trotzdem, Scholar zu sein war lustig, jedenfalls im Sommer, in den Ferien, als Sohn eines reichen Mannes. Doch auch die Armen strömten nach Paris, denn ein akademischer Grad verbesserte ihre Aussichten auf eine Pfründe oder eine Schreiberstelle. Und die Armen saßen im Winter in ungeheizten Hörsälen auf Stroh auf dem Boden, wo die Flöhe mit den Spitzfindigkeiten der Magister um die Wette hüpften. Und abends schlichen sie heim in schmutzige dunkle Zimmer, wo sie zu mehreren im gleichen Bett schliefen. Dort schimpften sie auf Universitätsbehörden und Magister, und statt Kienspan oder Kerze leuchtete ihr geistiges Licht, was aber nur die Wanzen, die sehnsuchtsvoll ihrer Ernährer geharrt hatten, aus den Ritzen lockte. Die meisten Scholaren lebten schlechter als die Handwerksgesellen. Gelegentliche Raufereien auf Kosten eines frischgebackenen Magisters oder Baccalars waren die Höhepunkte des akademischen Lebens. Zwar ermöglichte die Lehrerlaubnis Einkünfte, aber schäbige, jedenfalls für die Magister artium. Viele Magister artium blieben denn auch ledig (die meisten waren sowieso Kleriker) und lebten in Kollegien, wo eine Stiftung für ihr karges Brot sorgte. Andere Magister eröffneten Pensionen, in denen sie reichen Studenten Unterhalt und Unterricht gaben. Die Magister höheren Fakultäten hatten meist Pfründen inne.
Lehrstoff blieb die Scholastik. Mal waren die Nominalisten obenauf, mal die Realisten. Abu Musas Theorie aus dem 8. Jahrhundert, daß Schwefel, Quecksilber und Salz die Grundprinzipien aller Dinge seien, hielt sich bis ins Jahr 1661 . Die medizinischen Werke des Avicenna (980-1037) wurden noch im 17. Jahrhundert gelesen und noch länger war das wirksamste Heilmittel ein Hausverbot für Doktoren. In Zoologie und Botanik blieben die zwei Bücher des Albertus Magnus (1193-1280) Standardtext für die nächsten 400 Jahre und Magnus hat hauptsächlich von arabischen und antiken Quellen abgeschrieben. An den technischen Entwicklungen des Hochmittelalters, dem Eintonnen von Heringen, dem Spinnrad, hatten die Universitäten keinen Anteil. Das Pulver wurde anderswo erfunden.
Ursache der geistigen Starre der mittelalterlichen Wissenschaft war nicht die Kirche. Die begnügte sich mit der Kontrolle der Theologie. Den freien Künsten stand sie, solange diese keine Dogmen berührten, neutral gegenüber. Es war die Zunftorganisation der Magister, die die Wissenschaft lähmte, so wie die Handwerkszünfte die technische Entwicklung gehemmt haben. Die Zunft kontrollierte, daß keiner aus der Reihe tanzte - sowohl unterschwellig (wer kooptiert schon einen, der anders denkt als er selbst?) als offensichtlich: die Nominalisten und Realisten verboten der jeweils anderen Partei Vorlesungen zu halten - per Fakultätsbeschluß! Es ist kein Zufall, daß die zünftigen Kollegien innerhalb weniger Generationen zu Rentenanstalten für die Verwandten einflußreicher Herren verkamen. Das einzige nicht-zünftig organisierte Kolleg, die Sorbonne, dagegen gedieh. Dort hatte ein absetzbarer Provisor die Oberaufsicht, der nicht den Zunftgenossen, sondern einem unabhängigen Gremium (Rektor, Kanzler, Archidiakon des Kapitels etc.) verpflichtet war. Es ist die Sorbonne, der die Universität Paris ihren Ruhm verdankt.

Erstveröffentlichung: Februar 1995



Letzte Änderungen: 08.09.2004





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