Information 4
Information 5
Information 7

Plötzlich ist das Paper weg

(29.8.17) Ein Schreckensszenario: Man ruft die Homepage eines Open-Access-Journals auf, das online only erscheint – und erhält die Meldung, dass dessen Seiten aus dem Netz genommen wurden. Und mit ihm auch das eigene Paper, das man dort veröffentlicht hatte. Was jetzt tun?

editorial_bild

Machen wir das Gedankenspiel etwas konkreter: Forscher Neu [*Name erfunden!*] hatte einst aus diversen Gründen beschlossen, nur noch in Open-Access-Zeitschriften zu veröffentlichen. Als er also seine nächste Geschichte beisammen hatte, forschte er im Internet nach dem bestgeeigneten Titel — und schickte das Manuskript schließlich zum Journal of Experimental Surprises [*Name erfunden!*]. Dieses wurde zwar nicht gedruckt, sondern erschien ausschließlich online – aber „so what“!...

Alles klappte wunderbar. Schon kurze Zeit später konnte Neu sein Paper auf den Monitor rufen. Dennoch beschloss er aus einem nicht wirklich greifbaren Gefühl heraus, das PDF seines JES-Papers auf seinen Rechner zu speichern — und machte davon gar noch ein Dutzend Ausdrucke. Man konnte ja nie wissen…

Vier Jahre später wollte Neu in seinem JES-Paper schnell online etwas nachschauen. Doch das Journal of Experimental Surprises gab es nicht mehr. Als Neu die Seite aufrief, erschien auf seinem Monitor lediglich der lapidare Hinweis „Journal is not publishing“. Sein Paper war natürlich auch nicht mehr da — wie alle anderen auch, die das Journal publiziert hatte. Zum Glück hatte er noch seine eigenen Kopien…

Science Fiction? Nicht ganz. Im Blog „In The Pipeline“ beschrieb Autor Derek Lowe bereits vor über drei Jahren genau solch einen Fall — konkret denjenigen des Journal of Advances in Developmental Research. Das Journal hatte aus unerfindlichen Gründen seinen Betrieb eingestellt und die komplette Website gelöscht — samt den bis dahin erschienenen Artikeln. Nur mit etwas Suche findet man das eine oder andere Paper noch in irgendwelchen Caches und Online-Artikeldepots.

(Zugegeben, es handelte sich beim Journal of Advances in Developmental Research um eine eher zweifelhafte Online-Zeitschrift aus der umfangreichen Reihe der betrügerischen Predatory Journals. Aber lassen Sie es uns hier mal einfach um’s Prinzip gehen…)

Die digitale Langzeitarchivierung der Artikel  ist keineswegs trivial

Die Moral aus der G’schicht’, die auch Derek Lowe damals zog, heißt also: Schaut bei jedem Open-Access-Publisher, wie er es mit digitalem Erhalt und der Archivierung der Artikel hält. „Digital Preservation“ heißt das Schlagwort — und was dahinter steckt, ist offenbar keineswegs trivial. So wenig trivial, dass sogar große Open Access Publisher dies nicht mehr „inhouse“ schaffen.

Martin Fenner, damals noch bei Public Library of Science (PLoS) und heute Technischer Direktor beim internationalen Konsortium DataCite, schrieb dazu bereits vor einiger Zeit in seinem Aufsatz „A digital preservation primer for scientists“:

As we have moved to digital formats both for primary research data and scientific publications, digital preservation has become critical to secure permanent access to scientific information. Digital preservation turned out to be much more difficult than creating digital content, as preservation requires long-term thinking about many issues including file formats, storage solutions and funding. Digital preservation turned out to be too big for individual libraries, publishers or research disciplines, and large collaborative efforts were started in the last five years.

Dann zählte er einige Möglichkeiten auf, wie und wohin Open Access-Verlage die „Digital Preservation“ ihres Contents auslagern können (ebenfalls behandelt hier und hier). Und schließt mit der Feststellung:

We live in a digital world, and this of course includes how we do and communicate science. It is surprising that we have barely started to think about digital preservation.

Doch nochmal zurück zu Forscher Neu. Was könnte er jetzt bezüglich seines zusammen mit dem Journal of Experimental Surprises eingestampften Online-Artikels tun? Was kann man generell tun, wenn ein Open-Access-Online-Only-Publisher einfach aus dem operativen Geschäft verschwindet? Wäre es korrekt und vertretbar, das Paper woanders nochmals neu einzureichen?

Sollte eigentlich okay sein, oder? Schließlich sind die betroffenen Artikel samt Resultaten ja im wahrsten Sinne des Wortes aus dem „Scientific Record“ entfernt. Forscher Neu et al. sollten allerdings dazuschreiben, dass die entsprechenden Paper bereits zuvor in einem verschollenen Journal veröffentlicht waren – und jetzt nur zum Zwecke der Wiederherstellung des „Scientific Record“ nachpubliziert würden. Zudem sollten sie die alte Referenz in ihrer Publikationsliste streichen und gegen die neue austauschen.

Wollen wir aber dennoch hoffen, dass solche Fälle nur seltene Ausnahmen bleiben.

Ralf Neumann



Letzte Änderungen: 22.09.2017

Impressum | Datenschutz | Haftungsausschluß

© 1996-2017 LJ-Verlag GmbH & Co. KG, Freiburg, f+r internet agentur, Freiburg,
sowie - wenn nicht anders gekennzeichnet - bei den jeweiligen Autoren und Fotografen.